Tagebuchbloggen 26.03.2020

Heute morgen 2 h in einer Besprechung rumgehangen. Danach noch 1,5 h Sachen weggearbeitet. Der Liebste hat währenddessen versucht, die Kinder in die Gänge zu bringen. Die schlafen mittlerweile auch immer länger…

Nach der Mittagspause weiter gut voran gekommen, um 15 Uhr ein Gespräch mit meiner Chefin gehabt, das mich zuversichtlich stimmt, dass die etwas unbefriedigende Jobsituation sich auch bald klären wird.

Und dann habe ich was total verrücktes gemacht: Ich war joggen. Seit 12 Jahren war ich nicht mehr joggen! Diese Krise macht komische Dinge mit mir!

Ich hab noch immer Kopfweh. Es ist nicht mehr so schlimm wie letzte Woche, aber ich muss wirklich aufpassen, dass meine Schultern nicht wieder total verkrampfen.

Abends mit Nahtzugabe und 700Sachen virtuell zusammengesessen und geplauscht. Das war schön.

Nach wie vor sorge ich mich. Dass neoliberale Strömungen demnächst bewirken, dass das öffentliche Leben wieder aufgenommen wird, weil die Wirtschaft! Ungeachtet, ob wir das Infektionsgeschehen dann wieder unter Kontrolle haben und potentiell in den nächsten unkontrollierten Ausbruch rennen. Hauptsache, man tut was. Dabei zeigen Untersuchungen, dass Gegenden, die 1918 die H1N1 Pandemie nicht vernünftig im Griff hatten, deutlich schlimmere langfristige wirtschaftliche Schäden zu verzeichnen hatten als Gegenden, wo man konsequent das öffentliche Leben einstellte. Hier überlegt man jetzt, dass man nur noch die vulnerablem Gruppen schützt. Als würden die nicht-vulnerablen nicht genauso zu 5% auf der Intensivstation landen. Sie sterben mit bestmöglicher intensivmedizinischer Versorgung nicht so leicht, aber wenn es keine freien Beatmungsplätze mehr gibt, dann werden auch junge, gesunde Leute sterben, machen wir uns doch nichts vor! Und den älteren Menschen und den Menschen mit Vorerkrankungen oder nicht-intaktem Immunsystem jetzt zuzurufen „Wir halten es nicht mehr aus, bleibt ihr mal weiter schön zu Hause, wir machen hier ne große Covid19 Party“ ist auch krass unsolidarisch. Wenn der Antikörpertest in ausreichendem Maße vorhanden ist, und eine Testinfrastruktur dafür aufgebaut ist, kann man vielleicht mal drüber nachdenken, wie man das öffentliche Leben langsam wieder hochfährt. Denn dann haben wir eine reelle Chance, das Infektionsgeschehen in Echtzeit einschätzen und eingrenzen zu können. Aktuell haben wir mit der PCR Analyse nur die Möglichkeit, eine Idee davon zu bekommen, was vor 10-14 Tagen passierte. Und wirklich sicher wissen wir anhand der Todeszellen, was vor 3 Wochen passierte. Bei einem exponentiellen Wachstum, wo sich die Ansteckungen alle 3 Tage verdoppeln, wissen wir aktuell, dass wir in 2 Wochen insgesamt 5000 Tote haben werden und täglich mehrere hundert Menschen jeden Tag sterben werden und zwischen 50.000 und 100.000 Menschen auf der Intensivstation liegen werden. Das sind unvorstellbare Zahlen.

Tagebuchbloggen 25.03.2020

Der erste Tag seit 10 Tagen, wo ich das Gefühl habe „nix zu erzählen“. Es stellt sich eine Art Routine ein. Man trifft Nachbarn auf der Straße, hält Abstand, unterhält sich kurz, man fühlt sich mit ihnen verbundener als sonst.

Ich muss langsam anfangen, einen Kalender für unsere distant socializing Events anzulegen. Wir sind quasi jeden Abend mit irgendwem verabredet. Allerdings für mich erstmal ohne Wein. Ich hab den schwäbischen Weißwein, den der Liebste vor 3 Wochen von seinem Heimatbesuch mitgebracht hat, in Verdacht, komische Dinge in meinem Körper anzustellen. Seltsame gärvorgänge, die neben Bauchweh auch Schwindel und Kopfweh auslösen.

Die Klassenlehrerin des kl kl Menschen schreibt sehr persönliche Mails an ihre Schülerinnen. Und der kl kl Mensch beantwortet sie gewohnt knapp. Aber durchaus freundlich. Ein Romancier wird aus ihm aber wohl eher nicht. Gestern sollte er als Aufsatzübung eine Mindmap zu einem Bild machen. Darauf war ein Mensch und ein Außerirdischer zu sehen. Eine unlösbare Aufgabe für ihn, denn es gibt keine Außerirdischen. Case closed.

Tagebuchbloggen 24.03.2020

Ich hatte heute Urlaub. Der sich aber überhaupt nicht danach anfühlte. Ich war Aushilfslehrerin, habe Brot gebacken, Mittagessen gemacht, die Küche in akzeptablem Zustand gehalten und sehr lange an einer heiklen Mail formuliert. Geplant war das anders. Als ich den Urlaub einreichte wähnte ich die Kinder in der Schule und den Liebsten bei der Arbeit.

Aber ich stelle fest: nach so einem Tag ohne Jobverpflichtungen ist man als homeschoolende stay at home mum noch ganz fit am Abend. Kommt Erwerbsarbeit im homeoffice dazu, ist man abends platt wie ne Flunder. Hinzu kommt die permanente Sorge um so vieles. Das zehrt. Jede, die jetzt 50% ihres üblichen pensums im Job schafft, ist Superwoman!

Es ist krass, an welchen Stellen diese Krise überall offenbart, dass dieses System, dass 2019 noch von so vielen als alternativlos gesehen wurde, defizitär ist. Systemrelevante Jobs, die offenbaren, dass die gender pay gap ein riesiges Problem für unsere Gesellschaft ist. Die Kassiererin, die jetzt systemrelevant ist, aber leider nicht genug verdient, um die Familie zu ernähren. Der Mann kann aber leider nicht zu Hause die Kinder hüten, weil er die Kohle ranschafft, die die Miete zahlt. Ebenso die Krankenpflegerin, die Raumpflegerin im Altenheim, die Erzieherin, die die notbetreuung für die Kinder der Kassiererin, Krankenpflegerin und Raumpflegerin machen muss.

Ein Schulsystem, dass lächerlich hinterher hinkt bei der Digitalisierung. Während wir im Homeoffice alle eloquent videokonferieren, schicken Lehrerinnen schlecht 40 eingescannte Arbeitsblätter als jpg rum.

Ein Wirtschaftssystem, das immer mehr der neoliberalen Maxime „das regelt der Markt“ folgt. Es gibt keine ausreichende Reserve an Schutzkleidung in Krankenhäusern. Obwohl spätestens nach SARS klar war, dass eine globale Pandemie nur eine Frage der Zeit ist. Weil Krankenhäuser privatisiert sind und gewinnorientiert arbeiten müssen. Weil der Staat versäumt hat nach Ende des kalten Krieges die Gefahren durch etwas anderes als „die Soviets“ real abzusichern. Das Narkosemittel Propofol kostet aktuell das 20-fache wie sonst. Weil zigtausend intubierte covid-19 Patientinnen weltweit damit ruhiggestellt werden. Und der Markt es dann eben regelt, dass der Preis für dieses Mittel in absurde Höhen schnellt.

Ich wünsche mir, dass wir am Ende dieser Krise vieles ändern werden. Dass wir in Anbetracht der riesigen Herausforderungen des Klimawandels unsere aktuelle Art des Wirtschaftens radikal überdenken. Dieses Virus zeigt uns gerade, wie fragil dieses System ist. Und diese Krise ist banal im Vergleich dazu, was der Klimawandel für die Menschheit bedeutet. Ich hoffe, wir lernen ein bisschen was daraus.

Tagebuchbloggen 23.03.2020

Heute morgen war ich gar nicht guter Stimmung. Es ist eine seltsame Mischung aus Sorge um Menschen wie meine Schwester, die im Krankenhaus arbeitet, Sorge um Menschen, die freiberuflich arbeiten und gerade keine Einnahmen haben, Sorge darum, dass notwendige gesetzliche Schnellschüsse nicht genauso schnell korrigiert werden, wenn sich Konstruktionsfehler zeigen, Sorge darum, dass das Friedenprojekt europäische Union an diesem Virus zerbrechen wird, abstrakte Sorge um all die Menschen, die wir in ihrem Leid gerade aus den Augen verlieren. Ich weiß, dass es auch viel Anlass zur Zuversicht gibt. Verglichen mit unseren Nachbarländern wird hier sehr genau geprüft, wie drastisch die Grundrechte per Verordnung eingeschränkt werden müssen und noch immer an die freiwillige Einsicht der Bürgerinnen appelliert. Sowohl die EU als auch die Bundesregierung kippen quasi unbegrenzt Geld aus, um die schlimmsten wirtschaftlichen Sorgen akut zu mildern. Wir gehen noch immer jeden Abend gemeinsam spazieren und haben bisher noch nicht gestritten. Trotzdem quält mich sowas wie Zukunftsangst. Gar nicht so sehr direkt persönlich. Mehr so im allgemeinen.

Der kl kl Mensch hatte heute Klarinettenunterricht per WhatsApp. Das war schön. Es geht weiter, jede gibt ihr bestes, um den Job zu machen.

Es irritiert mich, wie viele Menschen irritiert sind, wenn ich sage, dass ich bestenfalls im Mai die Kinder wieder in der Schule sehe. Ich stelle mich auf nach den Sommerferien ein. Ist der Blick nach China so gefärbt, dass diese Transferleistung unmöglich ist? Denken die Menschen im Ernst, mit weniger autoritären Maßnahmen könne man diesem Virus schneller beikommen? Ich fühle mich seit vier Wochen seltsam zwiegespalten. Mir scheint, ich rede mit zwei komplett disjunkten Gruppen. Die, die ähnlich wie ich seit Wochen besorgt nach China, Süd Korea, Japan schauen, Fallzahlen beobachten, mahnen. Und die, die offenbar ein unerschütterliches Vertrauen in die Überlegenheit des Westens zu haben scheinen und die Augen davor verschließen, dass China kein Schwellenland mehr ist und dass es so einem Virus im Zweifel egal ist, welche Staatsform es heimsucht.

Die zweite Folge „Pandemie“ war ähnlich surreal wie die erste. Man fühlt sich fast wie eine Zeitreisende.

Morgen habe ich Urlaub. Resturlaub aus dem letzten Jahr. Ich werde mich morgen also intensiv um die Schulaufgaben der kl Menschen kümmern können, ohne schlechtes Gewissen, meinen Job zu vernachlässigen. Und in Ruhe kochen. Und aufräumen. Als ich diesen Urlaubstag eintrug, stellte ich mir einen gemütlichen Tag alleine zu Hause vor. Gemütlich frühstücken, Fernsehen, Handarbeiten. Verrückte Zeiten.

Tagebuchbloggen 22.03.2020

Ausgeschlafen, gefrühstückt.

Anschließend bin ich ins nähzimmer verschwunden und habe Behelf-Mund-Nasen-Schutze genäht. Eine Materialrecherche hatte ergeben, dass sich Baumwoll T-Shirts (doppellagig) oder Bettbezüge (doppellagig) am besten eignen. Also hätte ich gestern meine Jersey und Popelinereste rausgekramt und sie bei 95°C vorgewaschen. Heute hab ich sie zugeschnitten und dann 7 behelfsmasken genäht. Das zuschneiden (alles rechteckige Stücke, mit großem Lineal, nem Stück Pappe als Schablone und Rollschneider gut geeignet für Stapelverarbeitung) und bügeln der Kanteneinfassungen war schon Recht nervig. Aber richtig blöd wurde dann dass einbügeln der Falten. Das nähen an sich ist easy, aber durch die Falten dauert es dann doch bei jeder Maske einige Zeit. Für die Drahtverstärkung, um die Maske optimal an die Nase anzudrücken, habe ich diese plastikummantelte Drahtdinger verwendet, die manchmal bei Gefrierbeuteln beiliegen. Die Kantenverstärkung/Bindebänder habe ich mit einem Zickzackstich angenäht, da die Stoffstreifen dafür nicht wie Schrägband vierfach gefaltet werden, sondern nur doppelt und dadurch die Kanten unversäubert offen sind. Das hat gut geklappt und ich hoffe, das Band franst nicht zu schnell aus. Das Tragen der Masken finde ich noch arg gewöhnungsbedürftig. Aber da wir uns jetzt alle so verhalten sollten, als hätten wir covid-19, ist es wohl besser, wir schützen unsere Mitmenschen nicht nur durch Abstand halten, sondern bei notwendigen Begegnungen wie z.b. im Supermarkt auch dadurch, dass wir nicht ungehemmt Speicheltröpfchen in der Luft verteilen. Da medizinische Mund-Nase-Schutze aber aktuell knapp sind und in Krankenhäusern für die Ärztinnen und Pflegerinnen dort dringend gebraucht werden, wird empfohlen, sich solche Behelf-Mund-Nase-Schutze zu nähen. Vor ein paar Tagen noch hielt ich das für vollkommen albern, aber es scheint, dass sie tatsächlich besser als nichts sind. Wirklich großen Spaß hatte ich beim Nähen nicht, aber nun sind wir immerhin ausgerüstet. Auch wenn schon seit 2 Wochen nur noch einer von uns einkaufen geht und wir ansonsten Begegnungen mit anderen Menschen quasi auf null reduziert haben.

Außerdem war heute wieder vorkochen für die nächsten Tage angesagt. Da das Hühnerfrikassee gut ankam bei 3 von 4 Familienmitgliedern und das 4. Mitglied auch mit Reis und Erbsen happy war, gibt es das nun wieder an 2 Tagen diese Woche. Außerdem Lasagne.

Gestern habe ich mit dem gr kl Menschen zusammen die Erdkunde Aufgaben gemacht. Und festgestellt, dass ich echt noch einiges wusste über Landwirtschaft. Der gr kl Mensch macht das wirklich gut mit dem selbstlernen, aber ganz alleine ist halt doch was anderes als mit jemandem zusammen.

Die Spaziergangrunde um 5 wird sehr konsequent gemacht und es gibt quasi keinen Protest bei den kl Menschen. Sie brauchen diese 30-60 Minuten Auslauf auch. Es sind recht viele Menschen draußen unterwegs, aber eigentlich immer nur in 2er Gruppen oder Lebensgemeinschaften. Selten gibt es Probleme mit den 2 m Abstand, auch wenn überall genug Platz wäre. Aber im großen und ganzen scheint die Ansprache von Angela Merkel letzten Mittwoch auch den letzten den Ernst der Lage klar gemacht zu haben.

Ich frage mich, ob das früher geschehen wäre, wenn man ohne langes lamentieren schon vor 2 Wochen die Männer Fußball Bundesliga abgesagt hätte, statt noch an mehreren Stellen 50.000 Fußballfans ne Seuchenparty feiern zu lassen.

Eben bei Netflix eine neue Dokuserie entdeckt: Pandemie. Die ist von 2020, also wirklich erst vor kurzem erschienen. Produziert wurde sie natürlich schon vor einigen Monaten. Und das ist wirklich schräg. Da wird von einer möglichen Pandemie immer als Szenario gesprochen, was irgendwann kommen wird, aber niemand weiß genau, wann und wie. Jetzt wissen wir es. In der Doku schienen sich die Experten recht sicher zu sein, dass es eine Influenza Epidemie ähnlich der H1N1 Epidemie von 1918 sein wird. Coronaviren schien von denen jedenfalls niemand auf dem Schirm zu haben. Aber vielleicht ging’s in der ersten Folge auch einfach nur um Influenza und der SARS Ausbruch 2002/2003 kommt noch in einer anderen Folge dran. Jedenfalls ein sehr seltsames Gefühl, diese Doku zu schauen, wo von dem, wo wir jetzt mittendrin stecken, als Zukunft gesprochen wird. Klar war den Experten aber: die gesellschaftlichen Folgen werden gravierend sein. Nicht unbedingt das, was mich ruhiger schlafen lässt. Denn ich werde sowieso schon jede Nacht ein paar Mal wach, weil ich schlecht geträumt hab. Einschlafen fällt mir auch schwer, weil ich einfach einen totalen Nachrichtenoverflow habe. Aber nicht informieren ist für mich auch keine Option.

Angela Merkel hat heute eine gute Pressekonferenz gegeben zu weiteren Maßnahmen wie Ausgangsbeschränkungen und danach hat sie sich in häusliche Quarantäne begeben, weil sie Kontakt zu einem mit SARS-CoV2 Infizierten hatte. Möge sie und das Kabinett gesund bleiben. Aber bald wird klar sein: selbst Bundeskanzlerin kann man im Home Office sein. Falls noch Chefs Sorge haben, dass im Home-Office nicht gearbeitet wird.

Tagebuchbloggen 20.03.2020

Die erste Woche Isolation ist rum. Es lief besser als erwartet und auch wenn ich zuversichtlich war, dass wir uns nicht an die Gurgel gehen werden, bin ich froh, dass es tatsächlich nicht dazu kam. Der Liebste sagte eben, dass die Polizei damit rechne, dass sie jetzt vermehrt Fälle häuslicher Gewalt sehen wird. Daraufhin fragte der gr kl Mensch, was häusliche Gewalt sei. Als ich es erklärte, sagte er, dass das bei uns ja keine Gefahr sei. Wir scheinen nicht allzuviel falsch zu machen.

Wir haben heute unsere neue Haushaltshilfe nach einer Woche für unbestimmte Zeit in die bezahlte Freistellung geschickt.

Der Liebste war heute morgen einkaufen, es war wohl recht wenig los in der Fußgängerzone und Weizenmehlspeisen scheinen das neue Trendgericht zu sein.

Schule zu Hause läuft viel besser als erwartet. Allerdings scheinen Sekundarstufe II Lehrerinnen sehr unsensibel für das Phänomen „intellectual divide“ zu sein. Anders kann ich mir das nicht erklären, dass sie einfach eine Liste mit Aufgaben über den Zaun werfen und erwarten, dass die Schülerinnen das schon irgendwie hinbekommen. Ich jedenfalls musste heute durch fragendes Entwickeln die Sache mit den Potenzen nochmal vertiefen. Beim kl kl Menschen fahren wir aktuell eine andere Strategie und machen mit ihm statt kleinteiligem Entwickeln von mathematischen Konzepten eher 5 Schritte auf einmal, um ihn bei der Stange zu halten. Auch das funktioniert ganz gut. Sein Tagebucheintrag toppt allerdings sogar meine knappe schriftliche Ausdrucksform. „Wir waren spazieren und zu Hause.“

In der Mittagspause haben der gr kl Mensch und ich 30 Minuten mit Anna geturnt und sind dabei ganz schön ins schwitzen gekommen.

Heute standen dann die ersten Abgaben von Aufgaben an. Im Zuge dessen haben wir gemerkt, dass der gr kl Mensch bei einigen Aufgaben Verständnisschwierigkeiten hatte, aber uns nicht stören wollte mit Fragen. Wir haben natürlich über den Tag verteilt immer wieder Besprechungen, und irgendwie scheint er den Eindruck gewonnen zu haben, dass er uns besser nicht stört. Gut, dass wir das jetzt geklärt haben. Und ich konnte ihm dann ja, s.o., sogar recht schnell und einfach helfen.

Seit heute dürfen wir nur noch zu zweit oder im Rahmen der Lebensgemeinschaft vor die Tür. Wir haben das ja schon seit einer Woche praktiziert, mit der Ausnahme gestern. Wir werden sehen, ob das reicht, oder ob noch mehr Maßnahmen ergriffen werden müssen, damit wir dieses vermaledeite Virus wieder soweit unter Kontrolle bekommen, dass man mit den vorhandenen Testkapazitäten alle Neuinfektionen und deren Kontaktpersonen testen kann. Aber selbst dann werden wir uns mit massiven Eingriffen in unsere Grundrechte noch für Monate, wenn nicht Jahre abfinden müssen. Bisher bin ich allerdings positiv überrascht, dass die CDU dies nicht in allzu hohem Maße dazu auszunutzen scheint, ihre ordnungspolitischen Phantasien umzusetzen. Wir werden sehen. Umso wichtiger, jetzt freiwillig ein paar Einschränkungen auf sich zu nehmen, damit da nicht aus dem Gebot der Stunde absurde Überwachungsinstrumente dauerhaft etabliert werden.

An unserer 5 Uhr Runde halten wir weiter fest, es tut gut, jeden Tag raus zu kommen und sich zu bewegen. Auch die kl Menschen haben bisher kein einziges Mal darüber gemotzt. Im Gegenteil, sie stehen quasi sofort abmarschbereit an der Tür, wenn der Liebste und ich aus dem Arbeitszimmer kommen.

Eine Nachbarin hat eine WhatsApp Gruppe für unsere Siedlung gegründet, wo man sich gegenseitig unterstützen kann. Hier wohnen einige ältere Menschen und auch wenn die vermutlich kein WhatsApp benutzen, bekommt man über so eine Gruppe dann doch eher mit, wenn jemand Hilfe braucht, sei es beim Einkaufen oder mit fehlenden Dingen oder Infos. Lustig daran ist, dass es ein wirres Mischmasch aus deutsch und englisch ist. Teilweise in einer Nachricht wird zwischen den Sprachen gewechselt.

Nach dem Abendessen trafen wir uns mit Freunden in einem virtuellen Besprechungsraum, um gemeinsam Wein zu trinken und ein bisschen zu erzählen, wie die erste Woche für uns war.

Ich denke, wir schlagen uns ganz wacker, auch wenn ich jegliches Zeitgefühl verloren habe, weil Dinge, die ich letzte Woche noch nicht für möglich gehalten hätte, nun selbstverständlich sind. Trotzdem muss ich hin und wieder weinen, aber das ist für mich keine ungewöhnliche Reaktion auf psychische Anspannung. Mir macht das Virus an sich wenig Angst. Ich weiß, dass auch jüngere Personen schwer daran erkranken können, aber die Chancen, daran zu sterben sind deutlich niedriger als für alte Menschen. Aber ich habe in düsteren Momenten Angst davor, wie unsere Gesellschaft in 2 Jahren aussehen wird. Auch wenn ich, wie gesagt, positiv überrascht bin, wie klar die CDU sich gegen massive Beschneidung der Grundrechte ausspricht. Da ist man bei weniger krassen Bedrohungen doch drastischere Töne von ihnen gewohnt.

Tagebuchbloggen 19.03.2020

Nach einer erstaunlich schmerzarmen Nacht bin ich heute morgen quasi schmerzfrei aufgewacht. Nach dem Frühstück habe ich den Laptop auf einen Stapel Bücher gestellt und der Liebste hat eine überschüssige Tastatur aus dem Keller gefischt. Falls das auch nicht hilft, werde ich nächste Woche versuchen einen Durchlassschein für den Monitor im Büro zu bekommen und den dann holen. Das haben einigen Kollegen schon gemacht, ich gehe davon aus, dass der Werkschutz da aktuell keine großen Probleme machen wird.2020-03-19 08.30.34

Wenn der Liebste und ich gleichzeitig eine Besprechung haben, geht er übrigens ins Nähzimmer zum telefonierenthreema-20200318-140929-2549a5cff5469f85

In unserem Umfeld scheinen sich die Familien sehr strikt an die Isolation zu halten. Die meisten Kinder haben wirklich nur Kontakt zu ihren Geschwistern. Wir haben uns heute aus wichtigen Gründen mit einer Klassenkameradin des gr kl Menschen und ihrer Mutter zum Spazierengehen getroffen. Immer im Abstand von mind 1,5 m voneinander. Das hat gut getan!

Das Selbstlernen erfordert große Selbstdisziplin von uns allen. Aber es gibt immer weniger Tränen beim kl kl Menschen und der gr kl Mensch scheint abgesehen von Englisch recht diszipliniert zu arbeiten. Ich hingegen habe noch immer große Schwierigkeiten, konzentriert bei der Sache zu sein, kein Wunder bei solchen Kollegen…

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Aufgrund des Spaziergangs über Mittag wichen wir heute etwas vom Plan ab, den wir in den letzten Tagen wirklich gut eingehalten haben. threema-20200319-175630-fecf1cda4e386499

Ich weiß, dass man keine größeren Gruppen treffen sollte, aber wie sehr der Mensch ein soziales Wesen ist, merkte ich heute sehr eindrücklich. Am Ende des Spaziergangs trafen wir auf der Straße die Schulleiterin und die Sekretärin der Grundschule, die Briefe für die Viertklässlerinnen austeilten. Um sich die Beine zu vertreten, um auch mal aus dem leeren Schulgebäude heraus zu kommen. So standen plötzliche 5 Erwachsene und drei Kinder auf der Kreuzung, alle in gebührendem Abstand voneinander. Dann kam noch eine weitere Mutter mit dem Auto vorbei, hielt an, wir unterhielten uns kurz, bis wir bemerkten, dass wir schon eine zu große Gruppe waren. Niemand war jemandem anderes zu nahe gekommen, aber der Wunsch nach persönlichem Austausch schien bei allen groß zu sein.

Der Liebste arbeitet sich jetzt in eLecture tools ein, da er davon ausgeht, dass das Sommersemester wohl mindestens zum Teil aus der Ferne stattfinden wird.

Ich habe heute auf Empfehlung von 700Sachen „Fit mit Anna“ ausprobiert und das ist dann doch eher was für mich als YouTube Yoga.

Mit meiner Schwester gechattet. Hab sie gefragt, ob ich ihr schicke Mundschutze nähen soll. Sie sagt, noch haben sie welche im Krankenhaus, aber auch die chirurgischen Mundschutze werden knapp. Falls ich welche nähe, könne ich ihr welche mitnähen, wer weiß, ob sie sie nicht tatsächlich bald brauche. Fürs erste wird sie nicht an vorderster Front kämpfen, aber auch sie fragt sich, wie lange die Trennung der Kliniken in „Fieber-“ und „Nicht-Fieber-Klinik“ aufrecht erhalten werden kann. Sehr beklemmend, zu sehen, wie sich ein Mensch, dem ich nahe stehe, versucht, auf das unvorstellbare vorzubereiten. Wir alle müssen unser Möglichstes tun, um den Menschen in den Krankenhäusern diesen Horror zu ersparen. Bitte, bleibt zu Hause! Wir müssen uns jetzt alle so verhalten, als hätten wir den Virus. Denn jede von uns könnte ihn längst haben. Und damit andere anstecken, die dann vielleicht medizinische Unterstützung benötigen. Es ist nicht nur ein Husten. Bleibt zu Hause!