Hochglanznaivität

Kurze Unterbrechung des Wohlfühlprogramms auf diesem Kanal für einen kleinen Rant. Morgen gehts dann weiter mit Familienurlaubsflausch, versprochen!

Während die einen jammern, dass an ihrem Elend doch immer nur die anderen (Gesellschaft, Strukturen, Patriachat) Schuld sind, erzählen uns nun andere, dass wir doch schlicht selber schuld seien, wenn wir unseren Traumlifestyle, unseren Traumjob und unsere Traumkinder nicht total easy und entspannt unter einen Hut bekommen.

Am Wochenende wurde ich via featurette.de auf einen Artikel von Teresa Bücker aufmerksam in dem sie für das online Magazine Edition F die Profibloggerin und Fotografin Katja Hentschel porträtiert. Bzw. ihr massiv Platz für Selbstmarketing einräumt. Selbstmarketing ist ja an sich nichts schlechtes, aber wenn es derart substanzlos und oberflächlich ist, wie in diesem Fall, nunja, dann ist das irgendwie wohl eher Angeberei.

In dem Portrait erklärt uns also Katja Hentschel, dass Vereinbarkeit von Mutterschaft und Job ganz viel mit Einstellung zu tun habe. Nach 5 Wochen Mutterschaft weiß sie zu berichten, dass sie die anstrengendste Zeit mit dem Baby ja bereits erlebt habe. Und dass das ja alles halb so wild sei, und sie finde, es fehle an positiven Vorbildern in den Medien, wie man es schaffen könne Elternschaft und Karriere zu verbinden. Deshalb hat sie parallel zum Kind kriegen noch ein neues Blogprojekt gestartet. Ein Gemeinschaftsblog, welches eben diese positiven Vorbilder zeigen will.

Ich mein, ernsthaft? Nach 5 Wochen weiß sie wirklich wie der Hase läuft? Weil sie ja schon 5 Tage nach der Entbindung wieder im Cafe war? Wieviel Prenzlauer Berg Hipster Klischee kann man eigentlich in ein Leben packen? (Okay, das war jetzt unfair. Katja Hentschel hat nun mal dieses Leben, und das gönne ich ihr auch von Herzen.) Aber für die allermeisten Frauen besteht das Leben nun mal nicht darin, in High Heels um die Welt zu jetten, in Prenzlauer Berg Kaffee trinken zu gehen und ein Leben wie im Hochglanzmagazin zu inszenieren. Okay, das ist die eine Seite.

Es gibt aber auch noch die andere: Mir geht regelmäßig die Hutschnur hoch, wenn ich lese, höre, erlebe, dass es nun mal nicht anders gehe, als dass ein Elternteil Teilzeit arbeite, dass das nun mal meist die Frauen seien, weil die ja eh schon den geringeren Verdienst haben, weil ja der Kindergarten nur bis 12 Uhr Mittags geht, dass der Kindsvater in seinem Job auf keinen Fall mehr als 2 Monate Elternzeit nehmen könne (die dann gerne auch gleichzeitig mit der Mutter genommen werden, um gemeinsam eine Weltreise zu machen, statt der Frau dadurch den Rücken für den Wiedereinstieg in den Beruf freizuhalten), etc. pp. Am meisten ärgern mich solche vorgebrachten Klagen von Frauen, die sich als Feministinnen verorten und die Gesellschaft, das Patriachat und die Machtstrukturen dafür verantwortlich machen. Verdammt nochmal, kriegt euern Arsch hoch, verlasst eure Komfortzone and get real!

Ich wusste als Teenager schon, dass ich nie nie niemals auch nur irgendwie finanziell abhängig von irgendjemand sein wollte, wenn ich mal groß bin. Keine Ahnung, ob das einen großen Einfluss auf meine Studienwahl hatte, aber ich habe einen Beruf gelernt, der realistisch in Aussicht stellt und aktuell auch realisiert, dass ich genug Geld verdiene um eine Familie zu ernähren. Klar kann ich ein Ingenieursstudium nur empfehlen, wenn einer sowas auch Spaß macht, wenn sie vor einem Doppelbruch keinen Monsterschreck im Matheunterricht bekommt, und auch Textaufgaben im Physikunterricht ihr Ding sind. Als ich dann in der Situation war, dass ich plötzlich nicht mehr nur Verantwortung für mein eigenes Leben zu tragen, sondern da auch noch der große kleine Mensch (und dessen Vater) war, merkte ich, dass das mit der totalen Unabhängigkeit und dem selbstbestimmten Leben etwas tricky werden könnte. Ich fand nämlich nach der Geburt des großen kleinen Menschen keinen Job in der Stadt, in der der Liebste als Wissenschaftler eine feste Stelle hatte. Sich damit abzufinden, sich halt irgendeine Arbeit zu suchen, was völlig anderes zu machen, und darüber zu klagen, dass alles so gemein und ungerecht ist, und ich auch nicht so genau weiß, warum ich mich plötzlich in einer klassisch rollenverteilten Ehe wiederfinde, wie konnte das passieren, das ist nicht mein Ding. Es war klar, wir müssen unseren Plan ändern. Und das war für uns beide klar. Dieses „Hups, mein Partner ist plötzlich der totale Machochauvi, seit das Kind da und ich zu Hause“ ist auch was, was ich nur sehr bedingt nachvollziehen kann. Es folgte also eine sehr schmerzhafte Zeit, in der ich für den tollsten Job, den ich mir vorstellen konnte, nach Köln zog, während der Liebste und der große kleine Mensch in Hamburg blieben. Für den Liebsten hätte es hier im Rheinland beruflich sogar eine Übergangslösung gegeben, aber hier in NRW war das 2010 mit spontan verfügbarer U3-Betreuung aussichtslos. In Hamburg hatten wir einen Kitaplatz. Für den Liebsten war das keine schöne Zeit, wochentagsalleinerziehend und immer die Perspektive vor Augen, seine Wissenschaftlerkarriere aufgeben zu müssen, wenn wir wieder als Familie zusammenwohnen wollten. Trotz meines höheren Einkommens habe ich von verschiedenen Seiten zu hören bekommen, dass ich seinen Lebenstraum zerstöre. Schlussendlich fügte sich eins ins andere, wir zogen nicht nach Köln, weil es dort schlicht unmöglich war, eine vernünftige Kinderbetreuung zu finden, sondern in eine Nachbarstadt, total unsexy, aber pragmatisch und der Liebste gewann in der Wissenschaftlerlotterie und bekam eine feste Stelle an einer hiesigen Uni. Ich bin fest davon überzeugt, dass sich all die Schmerzen, die Tränen, die Sehnsucht sowas von gelohnt haben und ich bin froh, dass wir an uns, an unsere Träume, an unsere Karriere geglaubt und daran festgehalten haben, auch als es sehr sehr schwer auszuhalten war. Es ist eine Frage der Prioritäten und für mich war und ist klar: Ich habe nicht 10 Jahre Zeit und Geld in eine Ausbildung investiert, um am Ende beim Job einen großen Kompromiss einzugehen.

Aus der heutigen Perspektive (Vollzeitstelle im Traumberuf, 2 Kinder, Mann festangestellter Wissenschaftler, der 50% der Sorge- und Reproduktionsarbeit leistet) würde ich sagen: Joah, ziemlich so hab ich mir das vorgestellt. Aber: es ist verdammt anstrengend! Es ist hart erkämpft. Wir hatten gute Ausgangsbedingungen. Gute Ausbildung, renommierte Hochschulen, körperlich und psychisch gesund, konnten immer füreinander sorgen (finanziell, emotional und in der alltäglichen Praxis). Das alles ist nicht selbstverständlich und das meiste liegt außerhalb unseres Einflussbereichs.

Und deshalb wehre ich mich entschieden dagegen, wenn eine Frau, die seit 5 Wochen Mutter ist, einen hochflexiblen, weitestgehend selbstbestimmten Job hat, uns erzählen will, dass die Frauen sich nicht so haben sollen, das ist doch voll easy, Kind und Karriere. Mein Traumjob sieht nunmal etwas anders aus. Ich gebe zu, ich bin aus verschiedenen Gründen kein Typ für die Freiberuflichkeit. Ich bin ein Sicherheitsjunkie. Ich finde es für mein seelisches Gleichgewicht verdammt wichtig, zu wissen, wieviel Geld jeden Monat aufs Konto kommt. Außerdem brauche ich feste Strukturen, in denen ich arbeite. Diese festen Strukuren bedingen aber nun mal, das ich da auch nicht so megaflexibel mit den Familienverpflichtungen bin. Ich kann mir mein Leben nun mal nicht um meine Alltagsbedürfnisse drumrumbauen. Mein Job, den ich wirklich sehr sehr liebe, ich will überhaupt gar nichts anderes machen, findet in einem Großkonzern statt. Und noch dazu in einer Männerdomäne. Männer, die größtenteils Alleinverdiener sind, deren Frauen ihnen den Rücken frei halten. Die deshalb auch über Kolleginnen denken, wenn die Mütter sind, dann sind sie genauso wie ihre Frauen zu Hause komplett allein für die Kinderbetreuung und Haushaltsorganisation zuständig. Vergisst eine Mutter mal ihren Fahrradhelm im Büro, dann liegt das daran, dass sie als junge Mutter ja soviel unter einen Hut bringen muss. Egal, wie sehr ich mich für mich anstrenge, mein Leben zu organisieren, ich bewege mich in einem Wahrnehmungsumfeld, in dem ich bewertet werde und in extrem vielen beruflichen Zusammenhängen gibt es Vorurteile gegen Mütter. Dagegen kann ich durch mein eigenes Handeln angehen, aber ich habe keine Garantie, dass ich damit jeden verbohrten Betonkopf bekehre. Ich kann noch so gut sein, noch so sehr wollen, wenn jemand mich immer unter der Blickwinkel „Mutter“ sieht und beurteilt, dann wird es verdammt schwer, den davon zu überzeugen, dass das eigentlich keine Rolle für meine professionelle Beurteilung zu spielen hat und vor allem, dass Väter und Mütter doch bitte wenn schon, dann doch bitte mit den gleichen Vorurteilen zu belegen sind.

Und auch die Kinderbetreuung kann ich nicht um mein Leben drumrum bauen, sondern muss meinen Alltag auch daran ausrichten. Wir sind in der sehr komfortablen Situation, dass unsere KiTa bis 17:30 Uhr geöffnet hat (DER Grund, warum wir NICHT in der hippen Großstadt, sondern in der unsexy Nachbarstadt wohnen). Geht zu zweit. Wenn einer von uns auf Dienstreise ist, kann der andere schon keine 40h/Woche arbeiten. Außerdem: 3 Wochen Sommerschließzeit, die sich nicht mit der vorlesungsfreien Zeit des Liebsten deckt. Ab nächstem Jahr eine offene Ganztagesschulen, wo die Kinder nur bis 16:30 Uhr betreut werden. Kinderkrankheiten die sich nicht an Projektpläne, Betriebsstillstände, Produktionskampagnen halten. Kleinigkeit verglichen mit den Problemen, die ich im Freundinnenkreis so mitbekomme. Ich motze auf hohem Niveau. Aber, und das möchte ich ausdrücklich festhalten, ich sehe, wie privilegiert ich bin, dass viele eben keine Kinderbetreuung bis 17:30 Uhr haben, dass sich viele von einer befristeten Stelle zur nächsten hangeln, keine 10 Tage Urlaub im Allgäu machen können, auch wenn sie sich noch so sehr dafür anstrengen und ihre Prioritäten entsprechend setzen.Die sich abstrampeln, alles geben, sich voll einsetzen und doch ausgebremst werden. Von Strukturen, von schizophrener christdemokratischer Politik, von verbohrten, unflexiblen Arbeitgeberinnen.

Wir brauchen keine Role Models, die uns zeigen, dass man nur genug wollen muss, dann klappt das auch mit der Karriere. Denn wenn es nicht klappt, dann bedeutet das nämlich im Umkehrschluss, dass wir ja schlicht und einfach selber Schuld sind. Ja, Karriere muss man wollen. Beide Geschlechter übrigens. Es gibt auch genügend Männer, die genausowenig ins mittlere Management aufsteigen (wollen), genauso wie es Frauen gibt, die unter Karriere schlicht und einfach „erfüllende Berufstätigkeit“ verstehen. Ich möchte nicht, dass wir mit solchen Erzählungen wie sie bei Glowbus stattfinden, einen unglaublichen Druck auf Frauen ausüben, sich noch mehr anstrengen zu müssen, um ein Leben wie aus dem Hochglanzmagazin führen zu können. Ich halte aber auch nichts davon, es sich in einer vermeintlich ungerechten und von der Gesellschaft erzwungenen Unterlegenheitsposition bequem zu machen und nur die anderen für mein Leid verantwortlich zu machen.

Exemplarisch möchte ich euch hier zwei ganz unterschiedliche, von starken Frauen geschriebene Blogs ans Herz legen:

Frau Brüllen (die heute etwas schneller zum gleichen Thema gebloggt hat ❤ ), eine klare Vorstellung davon hat, welche Prioritäten sie in ihrem Leben setzt und damit, so scheint mir, beruflich das erreicht, was sie will.

Mama arbeitet will auch, aber sie ist leider ein Beispiel dafür, dass wollen alleine nicht genug ist. Sie ist alleinerziehend, unfreiwillig freiberuflich und trotz exzellenter Ausbildung bewegt sie sich finanziell am Existenzminimum.

Community Management im Burda Style – oder: wie beleidige ich effektiv meine Kundinnen

Weil 140 Zeichen halt manchmal nicht reichen, um sich verständlich auszudrücken…

Seit einiger Zeit folge ich dem Twitteraccount von Burda Style. Recht schnell fiel mir der teilweise etwas eigenwillige Ton dieses Accounts auf. Zum Beispiel wurde diese Zirkusdirektorjacke (ein ganz wundervolles Kleidungsstück, wie ich finde) folgendermaßen verlinkt:

Screenshot - 09.07.2014 - 17:53:57

@himmelblau hat es ja in ihrer Antwort schon schön auf den Punkt gebracht, was an der Formulierung ungeschickt sein könnte.

Nun gut, auch ich bin nicht immer die Geschickteste im Formulieren von knappen, prägnanten Statements, sowas kann passieren.

Vor ein paar Tagen kam dann die Heftvorschau für das Augustheft raus. Meinen Geschmack hat kein einziges Modell getroffen, aber ich bin ja nun nicht das Maß aller Dinge.

Heute wollte es die Community-Managerin von Burda dann doch nochmal genauer wissenScreenshot - 09.07.2014 - 18:18:59Und dann wurde von verschiedenen Nähbloggerinnen nochmal freundlich und sachlich wiederholt, was schon seit Jahren immer wieder in Nähblogs diskutiert wird: Die Fotos sind ungeeignet um die Schnittführung der Kleidungsstücke zu beurteilen, teilweise fragt man sich, ob mit dem Schnitt was nicht stimmt, wenn die Models derart verdreht dastehen, etc. Ein sehr deutliches Beispiel dafür hat Lotti vor kurzem auf ihrem Blog gezeigt. Bikinischnittmuster sollen mit Bildern beworben werden, wo das Modell entweder ein Oberteil drüber trägt, oder so posiert, dass man nullkommanix vom Bikini sieht. Lotti fragt zu Recht, was das soll.

Nun habe ich in verschiedenen Kommunikations- und Führungsseminaren gelernt, dass, wenn man Feedback bekommt, man da nicht sofort reflexhaft verteidigend drauf reagieren soll. Genau das hat @burdastyle_de aber getan. Sie haben sehr oberlehrerhaft darüber aufgeklärt, wie ihr Heft zu benutzen sei.Screenshot - 09.07.2014 - 18:34:42Screenshot - 09.07.2014 - 18:37:28Screenshot - 09.07.2014 - 18:38:40Ich fand das kaum noch zu ertragen, mit welcher Arroganz und Überheblichkeit da gerade sehr kluge Frauen belehrt wurden und ließ das @burdastyle_de auch wissenScreenshot - 09.07.2014 - 18:41:59Ich empfand es richtiggehend als Beschimpfung der Kundinnen, dass sie halt einfach zu blöd seien, das Heft und die Homepage richtig zu benutzen. Da nutzt auch das exzessive Benutzen von Zwinkersmileys wenig, im Gegenteil, bei mir löst das ab einer gewissen Dosis sogar Aggressionen aus.Screenshot - 09.07.2014 - 18:52:00Aber @burdastyle schafft es tatsächlich, noch eins drauf zu setzen, als sie meinten, mir erklären zu müssen, wie eine Diskussion zu führen seiScreenshot - 09.07.2014 - 18:53:16Mal abgesehen von der Beschimpfung als Scharfschütze finde ich es vollkommen unterirdisch, dass da einfach mal locker-flockig mein Vorname auftaucht. Der ist kein megagroßes Geheimnis, aber ich möchte doch bitte noch selber entscheiden, in welchem Zusammenhang der auftaucht. Soviel Netiquette sollte man meiner Meinung dann doch verinnerlicht haben, wenn man als Unternehmen professionell in sozialen Netzwerken unterwegs sein will.

Meine Konsequenz: Den Twitteraccount @burdastyle_de habe ich geblockt, auf Schnittmuster von Burda werde ich dann wohl in Zukunft komplett verzichten und die, die ich hab, werde ich hier im Blog nicht mehr explizit erwähnen…

Update, 10.07.2014: auf meine Bitte hin hat @burdastyle_de den tweet nun gelöscht. Auf die Idee hätten sie im eigenen Interesse auch gestern schon selber kommen können. Mehrere Leute haben sie darauf hingewiesen, dass der tweet nicht okay ist. Ich habe sie darauf hingewiesen, dass es nicht okay ist, Namen rauszuposaunen. Nichts passierte. (Abgesehen von „sorry, war wohl missverständlich, aber zwinkersmiley!!!“). Dumme tweets passieren, das ist menschlich. Auch hinter diesem account sitzt ein Mensch, der fehlbar ist. Aber etwas mehr Souveränität im Umgang mit Fehlern erwarte ich von einem Firmen-Marketing-account dann doch.