Tagebuchbloggen 05.04.2020

Gefühlt habe ich den ganzen Tag in der Küche gestanden. Ist nicht wahr, es waren nur so 5 Stunden in Summe, aber dieses essen vorkochen ist echt nicht ohne. Jedenfalls, wenn man Familie drehumdiebolzeningenieur ist, wo jeder was anderes mag und man deshalb Rücksicht auf sehr viel nehmen muss.

Unter anderem muss man auch beim Brot Rücksicht nehmen. Deshalb hab ich heute nochmal ein Sandwichbrot von Hefe und mehr gebacken. Inkl kleinem Teigunfall

Nach dem Abendessen habe ich dann noch jemandem per WhatsApp versucht zu erklären, warum das mit der Herdenimmunität keine gute Idee ist. Leider erfolglos. Es mag fies klingen, aber vielleicht hätte man in den 1990ern weniger oft mit „ich kann kein Mathe“ kokettieren sollen. Dann würde man jetzt auch nicht auf halbgare Erklärungen a lá „einige Tote wären möglicherweise an was anderem gestorben, nur später“* reinfallen.

Ein bisschen gelesen hab ich heute auch noch. Allerdings ein Sachbuch zu einem eher unerfreulichen Thema und ich muss mich dabei immer sehr aufregen. Aber nützt ja nichts, manche Dinge müssen sein, und ich wäre nicht ich, würde ich nicht auch zu unerfreulichen Themen Sachbücher lesen, um sachliche Belege für meine Argumentation zu haben.

*das ist jetzt wirklich kein intellektueller Höhenflug. Wir werden nämlich alle sterben. Ich hoffe allerdings sehr auf „nur später“

Tagebuchbloggen 04.04.2020

Ich bin so homeschooling geschädigt, dass ich beim Datum an irgendwelche Kern- bzw. Königsaufgaben fürs kleine 1×1 denke…

Es geht uns nach wie vor gut, Lagerkoller weiterhin nicht wirklich in Sicht, auch wenn mein Kommunikationsbedürfnis leicht gestiegen ist. Aber dank Telewein, Telekaffeetrinken und virtuellen nähkränzchen hält auch das sich in Grenzen.

In manchen Belangen ist das homeschooling sogar hilfreich. Ich habe Einblicke in die Herausforderungen, die Schule für die kl Menschen bedeutet, gewonnen, die mir bis jetzt nicht so deutlich klar waren. Manches war ein diffuses Gefühl, jetzt habe ich da ein klares Bild.

Der kl kl Mensch hat sichtlich mit der Krisensituation zu kämpfen. Er schläft nicht mehr alleine ein. Entweder schläft er mit seinem Bruder in einem Bett oder wir kuscheln ihn in den Schlaf. Heute Mittag sagte er beim hören des Podcasts „Figarinos Fahrradladen“: „Fahrrad? Ein Spielzeug?“ Damit kann man doch gar nicht in seinem Zimmer spielen!“ Einige Zeit später skizzierte er mögliche Infektionsketten trotz Kontaktreduzierung.

Wir haben den Känguru Film angeschaut. Eigentlich wollten wir den Mitte März im Kino anschauen, 2 Tage, bevor die Kinos geschlossen wurden. Aber da war uns das schon zu riskant. Man kann ihn aber jetzt schon streamen. Ein Teil des Erlöses aus den streamingeinnahmen geht an Kinos.

Was etwas seltsam ist: ich empfinde das samstägliche putzen nicht als so schlimme Belastung wie früher. Als Teenager habe ich es gehasst. Während Klassenkameradinnen samstags nach Köln zum shoppen fuhren, musste ich zu Hause beim Putzen helfen. Gut, diese Ablenkung steht gerade nicht zur Debatte. Und so helfen uns auch die kl Menschen recht klaglos beim saubermachen.

In der heutigen Tagesschau durften ein paar B-virologen (alles Männer) so tun, als seien die, die kein zu frühes Ende der kontaktbeschränkungen fordern, arbeitsscheues Gesindel. „Das kann nicht ewig gehen.“ Nein? Doch! Oh! Das ist ja wohl jeder klar. Aber wenn man zu früh wieder zuviel erlaubt, muss man dann umso härter und länger zu machen. Aber vielleicht wollen es diese Herrn auch so richtig brennen sehen und sind enttäuscht, dass die Krankenhäuser in D das bisher ganz gut geschafft haben. Die gut 1200 Toten in D sind im europäischen Vergleich einfach zu wenig, da geht noch was.

3 Meldungen später wurde übrigens berichtet, dass in Wuhan die Maßnahmen wieder verschärft wurden. Das macht das turbostaatskapitalistische China bestimmt, weil ihnen ihre Ökonomie total egal ist. Kann eine die Kekulès, Schmidt-Chanasits und Lohses dieser Welt mal darauf hinweisen?

Tagebuchbloggen 02.04.2020

Ich bin müde. So richtig. Nicht nur am Abend, wie in der ersten Woche der schulschließung-homeoffice-maßnahme, sondern auch tagsüber. Ich bin noch immer sehr abgelenkt von den globalen Nachrichten. Gleichzeitig versuche ich aber auch, so produktiv wie möglich bei der Arbeit zu sein. Und den kl kl Menschen so gut es geht beim selbstlernen zu begleiten. Er ist in der 2. Klasse, er braucht da noch viel Unterstützung. Aber seine Geschichte zum Wimmelbild war tatsächlich mehr als 1 Satz, das habe ich sehr gefeiert!

Bei unseren täglichen Spaziergängen entdecken wir immer mehr Wege. Leider liegt da oft sehr viel Müll und z.t. menschliche Exkremente. Fußballfans sind Ferkel.

Die Grundschule hat heute mit einer E-Mail-liste rumexperimentiert. Es gab eine kryptische Mail, die ein Test war und gelöscht werden konnte. Ich werte das 1 Tag vor den Osterferien als deutliches Zeichen, dass die Grundschule damit rechnet, auch nach den Ferien per Mail mit uns kommunizieren zu müssen.

Tagebuchbloggen 01.04.2020

In der 3. Woche hat man sich fast schon dran gewöhnt, dass man jetzt sehr viel zu Hause ist. Wir reden noch immer sehr viel darüber, was das alles bedeutet, welche Optionen es gibt und wie die Nähe Zukunft wohl aussehen wird.

Der CEO meiner Firma sendet jetzt jeden Tag aus dem Homeoffice eine Videobotschaft an die Belegschaft und beantwortet Fragen. Im Hoodie. Lustigerweise stand in einem Artikel im Intranet, wie man gesund und sicher im Homeoffice arbeitet, man solle sich in „Büro-Schale“ schmeißen. Der CEO scheint auch im Hoodie gut klar zu kommen, scheint mir.

Der gr kl Mensch hatte heute eine wirklich bescheuerte Politikaufgabe zu Handytarifen zu lösen, die vollkommen uneindeutig gestellt war. Der Liebste und ich hätten uns fast deshalb gestritten. Gibt’s in Schulbuchverlagen keine Testschülerinnen?

Nachdem wir in den letzten Tagen etwas geschlurt hatten mit dem Spaziergang im 17 Uhr, machten wir heute wieder eine ausgedehnte Runde. Und weil der Golfplatz mittlerweile auch geschlossen ist, wagten wir uns mal auf das edle Grün. Die Gänse scheinen es auch zu begrüßen, dass sie keine Angst vor tieffliegenden Golfbällen haben müssen.

3 weitere Masken hab ich genäht, aber Spaß mach es noch immer nicht. Die Diskussion, ob das nun was bringt oder nicht, nervt mich mittlerweile auch nur noch. Viel interessanter finde ich da schon, was Frau Crafteln über das Masken-nähen schreibt.

Die Sommerzeitumstellung hat, wie jedes Jahr, meinen mühsam erkämpften Schlafrhythmus kaputt gemacht.

Der Liebste hat halskratzen. Und ich merke, wie ich Panik schiebe. Dieses Virus macht mir Angst. Mehr als ich zugeben mag.

Tagebuchbloggen 29.03.2020

Heute war ein doofer Tag. Aber was will man schon vor einem Tag erwarten, an dem einem 1h geklaut wird?

Es fing schon damit an, dass die kl Menschen den Frühstückstisch nicht deckten. Und weil ich es satt habe, dass ich alles immer 5x sagen muss, bis sie ihren Beitrag zu dieser kleinen Schicksalsgemeinschaft, die wir nun Mal aktuell bilden, beitragen, habe ich den Tisch nur für den Liebsten und mich gedeckt. Ich denke, die Botschaft ist angekommen.

Sonntag ist ja jetzt immer Essen vorkochen angesagt und das ist einfach für 4 Personen, die auch noch sehr eingeschränkte Essgewohnheiten, natürlich 4 sehr unterschiedlich eingeschränkte, haben, keine Sache von 1h. Aber ich belohnte mich damit, dass ich außerdem frische zimtschnecken buk.

Speaking of unterschiedliche Essgewohnheiten. Hälfte mit Pflaumenmus, Hälfte mit Zimt und Zucker.

Dann fing ich einen längeren Blogbeitrag an, zu dem ich aber ein paar Sachen, die ich weiß, aber nochmal sauber belegen möchte, recherchieren muss. Stay tuned. Irgendwann kippte die Stimmung ziemlich und wir erwachsenen sagten ein paar nicht so nette Dinge. Das war der Punkt, wo ich beschloss, dass wir wohl trotz beißend kaltem Wind eine runde spazieren marschieren sollten.

Mir fehlen Auszeiten. Kein Tag, an dem ich einfach Mal entspannt in den Tag hineinleben kann. Immer gibt es noch was zu tun. Putzen, vorkochen, Schulunterlagen ausdrucken, sortieren, etc. Und das nachdenken, informieren, dazulernen über diesen scheiß Virus ist auch extrem anstrengend. Ich kann aber auch nicht anders. Ich lerne gerade so unfassbar viel über Virologie, Makroökonomie, Massenüberwachung,…

Ein bittersüßer Abschluss des eher doofen Tages war ein Plausch mit Familie Rabe. Die auch viel Mist zu verarbeiten haben. Wir hatten uns 2020 echt anders vorgestellt, ey!

Tagebuchbloggen 25.03.2020

Der erste Tag seit 10 Tagen, wo ich das Gefühl habe „nix zu erzählen“. Es stellt sich eine Art Routine ein. Man trifft Nachbarn auf der Straße, hält Abstand, unterhält sich kurz, man fühlt sich mit ihnen verbundener als sonst.

Ich muss langsam anfangen, einen Kalender für unsere distant socializing Events anzulegen. Wir sind quasi jeden Abend mit irgendwem verabredet. Allerdings für mich erstmal ohne Wein. Ich hab den schwäbischen Weißwein, den der Liebste vor 3 Wochen von seinem Heimatbesuch mitgebracht hat, in Verdacht, komische Dinge in meinem Körper anzustellen. Seltsame gärvorgänge, die neben Bauchweh auch Schwindel und Kopfweh auslösen.

Die Klassenlehrerin des kl kl Menschen schreibt sehr persönliche Mails an ihre Schülerinnen. Und der kl kl Mensch beantwortet sie gewohnt knapp. Aber durchaus freundlich. Ein Romancier wird aus ihm aber wohl eher nicht. Gestern sollte er als Aufsatzübung eine Mindmap zu einem Bild machen. Darauf war ein Mensch und ein Außerirdischer zu sehen. Eine unlösbare Aufgabe für ihn, denn es gibt keine Außerirdischen. Case closed.

Tagebuchbloggen 24.03.2020

Ich hatte heute Urlaub. Der sich aber überhaupt nicht danach anfühlte. Ich war Aushilfslehrerin, habe Brot gebacken, Mittagessen gemacht, die Küche in akzeptablem Zustand gehalten und sehr lange an einer heiklen Mail formuliert. Geplant war das anders. Als ich den Urlaub einreichte wähnte ich die Kinder in der Schule und den Liebsten bei der Arbeit.

Aber ich stelle fest: nach so einem Tag ohne Jobverpflichtungen ist man als homeschoolende stay at home mum noch ganz fit am Abend. Kommt Erwerbsarbeit im homeoffice dazu, ist man abends platt wie ne Flunder. Hinzu kommt die permanente Sorge um so vieles. Das zehrt. Jede, die jetzt 50% ihres üblichen pensums im Job schafft, ist Superwoman!

Es ist krass, an welchen Stellen diese Krise überall offenbart, dass dieses System, dass 2019 noch von so vielen als alternativlos gesehen wurde, defizitär ist. Systemrelevante Jobs, die offenbaren, dass die gender pay gap ein riesiges Problem für unsere Gesellschaft ist. Die Kassiererin, die jetzt systemrelevant ist, aber leider nicht genug verdient, um die Familie zu ernähren. Der Mann kann aber leider nicht zu Hause die Kinder hüten, weil er die Kohle ranschafft, die die Miete zahlt. Ebenso die Krankenpflegerin, die Raumpflegerin im Altenheim, die Erzieherin, die die notbetreuung für die Kinder der Kassiererin, Krankenpflegerin und Raumpflegerin machen muss.

Ein Schulsystem, dass lächerlich hinterher hinkt bei der Digitalisierung. Während wir im Homeoffice alle eloquent videokonferieren, schicken Lehrerinnen schlecht 40 eingescannte Arbeitsblätter als jpg rum.

Ein Wirtschaftssystem, das immer mehr der neoliberalen Maxime „das regelt der Markt“ folgt. Es gibt keine ausreichende Reserve an Schutzkleidung in Krankenhäusern. Obwohl spätestens nach SARS klar war, dass eine globale Pandemie nur eine Frage der Zeit ist. Weil Krankenhäuser privatisiert sind und gewinnorientiert arbeiten müssen. Weil der Staat versäumt hat nach Ende des kalten Krieges die Gefahren durch etwas anderes als „die Soviets“ real abzusichern. Das Narkosemittel Propofol kostet aktuell das 20-fache wie sonst. Weil zigtausend intubierte covid-19 Patientinnen weltweit damit ruhiggestellt werden. Und der Markt es dann eben regelt, dass der Preis für dieses Mittel in absurde Höhen schnellt.

Ich wünsche mir, dass wir am Ende dieser Krise vieles ändern werden. Dass wir in Anbetracht der riesigen Herausforderungen des Klimawandels unsere aktuelle Art des Wirtschaftens radikal überdenken. Dieses Virus zeigt uns gerade, wie fragil dieses System ist. Und diese Krise ist banal im Vergleich dazu, was der Klimawandel für die Menschheit bedeutet. Ich hoffe, wir lernen ein bisschen was daraus.