Individuelles Handeln im gesellschaftlichen Zusammenhang

Dieser Text wird polarisieren. Aber ich kann ihn nicht so schreiben, dass er es nicht tut. Gemeinschaften bestehen immer aus Individuen. Kritisiert man ein Merkmal einer Gemeinschaft, fühlen sich trotzdem die Individuen angegriffen. Individuelles Handeln hat aber immer einen größeren Zusammenhang.

Seit Wochen gärt es in mir. Ich spüre Unbehagen, ja fast schon Wut in mir. Es fing schleichend an. Aber in den letzten Tagen ist mir bewusst geworden, dass ich das nicht mehr schweigend hinnehmen möchte, dass ich dem etwas entgegensetzen möchte. Weil ich mich betrogen fühle. Betrogen von „meiner“ Nähbloggerinnen-Community.

Als ich den MeMadeMittwoch entdeckte, war es wie eine Offenbarung! Neben der Lifestyle/Modebloggerinnen-Welt auf der einen und Bastelmutti-Welt auf der anderen Seite gab es da einen Platz im Netz, wo sich modebewusste, nähbegeisterte Frauen mit politischem Anspruch versammelten. Dieser Text fasst diesen Anspruch des MeMadeMittwochs sehr gut zusammen. Darin heißt es

Es geht um Unterstützung, Stärkung und Empowerment – dezidiert auch in Abgrenzung zum herrschenden Modediktat und der damit einhergehenden Normierung weiblicher Körper.

und weiter

Diese Blogs sind von Hypes und Moden nicht frei, sie entstehen aber im Zuge der Vernetzung „von unten“, aus der Bewegung selbst und lassen sich nur bedingt steuern.

Und damit kommen wir zum Punkt: Der neueste Hype in der Community bezieht sich nicht auf *das* Schnittmuster, das rauf und runter genäht wird, oder *die* Technik, zu der man nun in jedem Blog ein Tutorial findet sondern auf das eigene Körperbild, das für viele nicht mehr zu stimmen scheint. Meinen Instagramfeed habe ich zum größten Teil mit Selbermacherinnen gefüllt. In der Erwartung, dass man sich über Schnittmuster, Techniken, Inspiration,… austauscht. Aber seit ein paar Monaten nimmt etwas anderes immer mehr Raum ein: Essen mit kcal-Angaben, Gewichtsangaben, Kleidergrößen. Dinge, die bis vor einem Jahr vollkommen irrelevant in meiner Selbermacherinnenblase waren. Und es wird sich gegenseitig gratuliert für das nächste kg, dass da dem Hungern zum Opfer fiel. Und plötzlich bekommt dieser Absatz aus dem oben verlinkten Artikel einen sehr bitteren Beigeschmack

Diese Galerie mit Bildern „echter Frauen“, die ihren eigenen Kopf und Stil haben, verändert aber noch mehr. Wer Woche für Woche Zeit damit zubringt, „echte Menschen“ anzuschauen, schwächt damit die tief verwurzelte aber unbewusst verankerte Überzeugung, dass eine normale Frau aussehen muss, wie die ge-fotoshopten Kunstgeschöpfe in den Medien. Das scheinbar „Normale“ wird ersetzt durch das wirkliche Leben, das durch die Vielfalt der Erscheinungsmöglichkeiten einen neuen Entscheidungsraum bietet. Frauen übernehmen damit selbst die Deutungshoheit über ihr eigenes Bild.

Denn jetzt ist das, was uns InStyle und Co. seit Jahren predigen, massiv durch die Hintertür wieder über uns reingebrochen. Dadurch, dass wir Tag für Tag Zeit damit verbringen, dabei zuzusehen, wie sich gegenseitig für Gewichtsabnahmen auf die Schulter geklopft wird, stärken wir eben wieder die tief verwurzelte Überzeugung, dass normale Frauen eben *doch* aussehen wie gephotoshoppte Kunstgeschöpfe in den Medien.

Und jetzt höre ich sie, die Einwände: „Aber jede soll doch für sich selbst entscheiden, wie sie sich schön fühlt! Dürfen wir uns etwa für unsere Erfolge, endlich einen Weg gefunden zu haben, uns wohl zu fühlen, nicht freuen?!?  Ist gesund sein etwa nicht erstrebenswert?“

Journelle hat vorgestern schon sehr viele wohlbedachte Worte für diese Einwände gefunden. Und damit mich schlussendlich animiert, jetzt doch was dazu zu schreiben. Es gärt seit Monaten in mir.

Ja, jede bestimmt selbst, wie sie sich wohl fühlt. Aber wenn jetzt jedes kg, das die Waage weniger anzeigt, mehr Applaus bekommt als ein perfekter Musterverlauf, dann bereitet mir das Sorge. Und wenn dann jeden Tag noch jemand dazu kommt, die trotz Normalgewicht Menüfolgen mit Tageskalorienzufuhr verknüpft, dann beschleicht mich das Gefühl, dass sich da gerade ein Trend entwickelt, der gewaltige Sogwirkung hat. Wenn es nämlich wirklich nur um eine selbst ginge, dann bräuchte man das öffentliche Zelebrieren nicht. Die Gruppendynamik scheint mir aber durchaus ein wichtiger Faktor bei diesem Phänomen zu sein.

Und die, die nicht mitmachen wollen, schauen sprachlos zu. Fühlen sich um die Ideale ihrer Blase betrogen. Deshalb waren wir doch mal alle hier. Weil Körperformen hier nur insofern eine Rolle spielten, wie man dafür die optimale Passform findet. Doch plötzlich geht es auch hier nicht mehr um Passformoptimierung sondern Körperformoptimierung. Wie in den Frauenmagazinen, deren Diktat man sich entziehen wollte, dem man etwas entgegensetzen wollte. Sprachlos sind sie deshalb, weil es ja individuelle Geschichten sind, die da erzählt werden. Dagegen kann man schlecht was sagen. Weil das oberste Gebot ja immer war und auch weiterhin sein soll: Jede wie sie mag. Aber in der Häufung, wie diese individuellen Geschichten gerade aufpoppen, sind sie eben nicht mehr individuell sondern als Gesamtheit sehr wirkmächtig.

Aber ich bin nicht allein mit meinem Unbehagen. Wenn ich mich in geschützter Umgebung ein bisschen vorwage und dieses Unbehagen äußere, dann gibt es da viel Zustimmung. Aber niemand will es laut sagen. (In den letzten Tagen, die ich zögerte, diesen Post zu veröffentlichen, sind die Stimmen lauter geworden, was mir schlussendlich den Mut zur Veröffentlichung gab.)

Mit diesem Blogpost möchte ich euch sagen: Egal wie ihr seid, ihr seid nicht allein. Ihr seid nicht die einzigen, die ihre Ideale verraten fühlen.


Drei Tagen lag dieser Post nun im Entwurfsordner. Selten lasse ich einen Post von zwei weiteren Personen gegenlesen, bevor ich ihn veröffentliche. Seit Frau Crafteln ihren Senf zum Thema gestern abend abgab, zögerte ich wieder mehr, auf „Veröffentlichung“ zu klicken.

Weil die Entrüstung groß ist. Meine Enttäuschung aber auch. Und deshalb steht der Text jetzt hier.

 

Gedanken zum Trend auch Uninnovatives per Crowdfunding zu finanzieren

Als ich vor knapp 8 Jahren feststellte, dass ich schwanger bin, steckte ich mitten in der Promotion. Große finanzielle Reserven hatte ich nicht. Eigentlich war ich zu dem Zeitpunkt drauf und dran, mir eine gebrauchte Bernina Nähmaschine zu kaufen. Aber plötzlich sah ich mich tausende Euro für die Babyerstausstattung ausgeben. Die günstige Supermarktnähmaschine tat es ja irgendwie auch.

Wir hatten schon ein paar Eltern im Freundeskreis. Und von einigen, denen wir konsumideologisch am nächsten standen, ließen wir uns beraten, was man denn so braucht für so ein Baby. Denn unsere finanzielle Situation war einfach sehr ungewiss. Und uns war klar, dass wir wohl max 90 m² Wohnung zur Verfügung hätten.

Und wir stellten fest: Entgegen unserer ersten Befürchtung, dass wir mehrere 1000 Euro investieren müssten, waren die Anschaffungen für so ein Baby echt überschaubar.

Wir kauften so ziemlich alles gebraucht. Und Kleidung bekamen wir von Freunden sogar geliehen. Das hatte den zusätzlichen Vorteil, dass in den Kisten hauptsächlich Dinge waren, die sich für die Freunde bewährt hatten.

Das ist nicht jedermanns Sache. Ich bin normalerweise auch keine Flohmarktgängerin. Für viele ist es ein wichtiger Schritt der Vorbereitung, das Nest für das erwartete Baby zu bauen. Und verfallen in einen wahren Konsumrausch, kaufen Badeeimer, angeblich geruchssichere Windeleimer mit speziellen Mülltüten zu absurden Preisen, Unmengen an pädagogisch wertvollem Spielzeug, Kinderwägen mit jedem erdenklichen schnickchnack. Klar, man weiß nicht so recht, was man eigentlich braucht, man will ja nur das Beste fürs Kind und so kauft man halt auch eine Menge Plunder, den man 1x benutzt und dann festtellt, ist eigentlich voll unpraktisch. Und wir haben beim 2. Kind tatsächlich auch nochmal Sachen gekauft, die wir beim ersten vermisst haben.

Als ich vor ein paar Tagen also von dieser Erstlingsbox las, die auf Startnext gecrowdfundet wird, fand ich die Idee vom Prinzip her sehr gut. Mit gefiel die Botschaft, dass man viel weniger für so ein Baby braucht, als man zuerst einmal den Eindruck hat.

Den Preis finde ich allerdings für die enthaltenen Sachen (die bei weitem nicht die fundamental notwendigen Dinge beinhaltet, 3 Bodies sind lächerlich wenig, ein Schlafsack, der ja mittlerweile wirklich Standardausstattung für Babys ist, fehlt ganz, usw) gelinde gesagt happig. Ja, die Sachen sind alle nachhaltig, bio, dings. Trotzdem.

Und dann las ich bei einer, die die Box gefundet hatte, dass bei Crowdfunding der Preis ja immer höher sei. Weil? Ja warum eigentlich?

Crowdfunding, so wie ich es verstehe, hat ja den Zweck, dass man Geld einsammelt, um genug Kapital für die Entwicklung einer ersten Kleinserie zusammen zu bekommen. Ich arbeite selbst in der technischen Entwicklung, ich weiß, wieviel Zeit und Geld man erstmal in ein neues Verfahren, ein neues Produkt stecken muss, bevor man was in der Hand hält, das man verkaufen kann. Und diese Kosten müssen natürlich in den Preis des neuem Produktes mit einfließen. Das ist übrigens ein Grund, warum die Margen bei Big Pharma oft so astronomisch sind. Weil ein Blockbustermedikament eben auch die ganzen Flops, die im Laufe der Wirkstoffentwicklung wegen wirkungslos, giftig, zu viele Nebenwirkungen,… rausfliegen, eben irgendwie mitfinanzieren muss. Aber ich schweife ab.

Diese Box hingegen ist im Grunde nix anderes als all die anderen Boxen, die gerade so beliebt sind. Kochkisten, Bastelboxen, Nähpakete,… Für jedes Projekt eine eigene vorgefertigte Box. Die Idee dahinter: Jemand anderes kauft die verschiedenen Zutaten, packt sie portioniert in eine Box und ich muss nicht in 5 verschiedenen Läden zu große Gebinde kaufen. Praktisch ist das durchaus. Aber ich sehe einfach nicht, wie man da großartig finanziell in Vorleistung gehen muss. Man muss ja im Grunde nur nach Bedarf schon fertige Dinge einkaufen, verpackt sie etwas anders und verkauft sie wieder. Ich sehe einfach die genuin neue Idee, die eben zusätzlich zum Preis der Einzelteile einen höhere Preis rechtfertigt, der noch dazu in Vorleistung erbracht werden muss, nicht. Man muss nix testen, ausprobieren, entwickeln. Man braucht keine Lohnproduktion, die erst ab gewisen Stückzahlen fertigt. Es gibt überhaupt kein nennenswertes finanzielles Risiko in der Entwicklung. Die Option, dass es schiefgeht, gibt es im wesentlichen nicht. Weil es schlicht nix neues ist. Es gibt solche Boxen außerhalb von Finnland nämlich längst zu kaufen…

Aber es ist in gewissen Kreisen halt gerade angesagt, Dinge über Crowdfunding zu verkaufen. Zum Thema Crowdinvesting gabs kürzlich bei den Mikroökonmen auch ein paar gute Gedanken zu diesen Trend.

Was anderes wäre es, wenn es sich bei der Box um eine Spende an bedürftige Eltern handeln würde. Wir haben z.B. einen OLPC hier rumstehen, den wir aber nur haben, weil wir zusätzlich zu unserem Modell noch ein weiteres Modell als Spende gefundet haben. Damals hieß das nur noch nicht Crowdfunding sondern Give one, get one.

Karen hat zum Thema Erstlingsbox ebenfalls sehr gute Gedanken aufgeschrieben. Sie kennt das Vorbild Kela-Box aus Finnland aus eigener Erfahrung, und erklärt, was sie an der deutschen Nachahmung stört. Im wesentlichen ist mein Post nur eine Ergänzung zu ihren Gedanken, da ich ihre Kritik vollumfänglich teile. Auch die Kommentare sind sehr lesenswert!

Natürlich gibt es viele noch viel unsinnigere Crowdfunding-Projekte. Und selbst bei jedem, das ich toll finde, findet sich bestimmt jemand anderes, die es total überflüssig findet. Und genau darin liegt ja auch der Charme des Crowdfundings: dass man mit einer bestechenden Idee nicht mehr davon abhängig ist, ob einer von 10-30 verschiedenen Bankberatern die Idee gut findet, sondern 1000 von Millionen Menschen, die sich auf solchen Crowdfunding-Plattformen rumtreiben. Was halt im Grunde nur meine These unterstreicht, dass Demokratie und Kapitalismus sehr eng zusammenhängen.