Warum ich Muttertag doof finde

Seit Tagen werde ich wieder mit Muttertagsgrüßen konfrontiert. Am Mittwoch vor der Kantine verteilte der Betriebsrat Schokolade an Frauen, es gab sogar eine e-mail vom Betriebsrat, in der er Muttertagsgrüße verbreitete. Gestern in der Fußgängerzone verteilte die CDU Schokoladenherzen an Frauen. Der kleine kleine Mensch hatte am Mittwoch einen Muttertagsgruß im Gepäck, als ich ihn von der Tagesmutter abholte. Der große kleine Mensch brachte einen Muffin mit einem Pappherz, auf dem „Für Mama“ stand, mit aus dem Kindergarten. Heute auf Twitter gabs die unterschiedlichesten Tweets anlässlich des Muttertags. Und ich bin genervt.

Als Kind fand ich es irritierend, warum ich an einem Tag im Jahr besonders nett zu meiner Mama sein soll. Sie hat doch an jedem anderen Tag ebenso Respekt, Wertschätzung und Liebe verdient. Geschenke zum Geburtstag, das konnte ich verstehen, aber zum Muttertag? Warum?

Jetzt bin ich selbst Mutter und es nervt mich noch viel mehr.

Zum einen finde ich die Historie des Muttertags in Deutschland nicht unbedingt als etwas, deren Tradition ich weitertragen möchte. Eingeführt vom Verband deutscher Blumengeschäftsinhaber ist ja schon klar, was die Intention war: Kommerz. Bereits 1933 hatte der Muttertag aber noch einen ganz anderen Beigeschmack: die Förderung des arischen Nachwuchses.

Abgesehen von geschichtlichen Gründen habe ich aber immernoch Bauchschmerzen bei diesem Tag.

Ich mich bei solchen Aktionen sehr stark in die Ecke Frau=Mutter gedrängt. Meine biologische Bestimmung ist, dass ich gefälligst Mutter zu sein habe als Frau.

Dann dieser kollektive Zwang, der Mutter genau an diesem Tag durch materielle Geschenke (hauptsächlich Blumen) mitzuteilen, dass eine sie wertschätzt. Wie sehr kommt dieser Ausdruck der Wertschätzung denn dann von Herzen, wenn überall in einer unglaublichen Penetranz suggeriert wird, dass genau heute diese Geste von mir bzw. meinen Kindern erwartet wird?

Ich will heute keine Blumen, kein Frühstück ans Bett oder ähnliches, wenn ich nicht auch an anderen Tagen im Jahr mit solchen Nettigkeiten überrascht werde. Diese Nettigkeiten sollen von Herzen kommen. Wenn ich das Gefühl habe, ich müsse meiner Mama sagen, dass sie einen guten Job macht, dann sage ich es ihr in genau der Situation, in der ich das fühle. Dafür brauche ich keinen Tag, der von Blumenhändlerinnen und Nazis mit Bedeutungen aufgeladen wurde, hinter denen ich ganz sicher nicht stehe.

Und ebenso wenig, wie ich mich genötigt fühlen möchte, heute nett zu meiner Mama zu sein, genauso wenig möchte ich meinen Kindern gegenüber diese Erwartungshaltung entwickeln. Wenn sie mich heute ganz besonders doof finden, dann sollen sie das sagen und nicht stattdessen heuchlerisch einen Strauß Blumen vorbei bringen.

Und dass die CDU mir Muttertagsgrüße überbringt, das finde ich auch gewaltig bigott. Die Politik der CDU macht es mir nämlich nicht gerade einfacher, mein Leben mit Kindern so zu gestalten, wie ich es mir vorstelle. Weil sie nämlich durch so Aktionen wie dem Betreuungsgeld weiterhin ein Mutterbild fortschreiben, welches ich beim besten Willen nicht leben möchte. Aber auch, weil durch die aktuelle Politik ganz konkrete Rahmenbedingungen geschaffen werden, denen sich das Familienleben unterzuordnen hat (kaum Flexibilität bei der Kinderbetreuung, steuerliche Entlastung für den Trauschein, nicht für Kinder,…)

Auch im Job kann ich nicht erkennen, dass mir da als Mutter eine besondere Wertschätzung entgegen gebracht wird. Vielmehr ist es so, dass es Aussagen wie „xy ist aber keine Position für eine Mutter von kleinen Kindern“ gibt. Für solche Zuschreibungen ist Schokolade ein schlechter Trost.

Die Allgegenwärtigekeit und Selbstverständlichkeit, mit der ich seit Tagen mit diesem Tag konfrontiert werde löst Aggressionen in mir aus. Nicht jede Frau über 30 kann oder will oder darf Mutter sein. Aber genau das wird bei diesen Schokoladen-Verteil-Aktionen transportiert. Denn egal, ob mit oder ohne Kindern unterwegs, die Schokoladen wurden relativ wahllos an Frauen, aber eben mit dem Hinweis auf *Mutter*tag verteilt. Das kann sehr schmerzhaft sein, wenn eine aus welchen Gründen auch immer keine Mutter ist. Es gibt Menschen, die können aus biologischen Gründen keine Kinder bekommen. Es gibt Menschen, die wollen keine Kinder. Es gibt Menschen, die dürfen per Gesetz keine Kinder bekommen (lesbischen Paaren und unverheirateten Frauen wird die künstliche Befruchtung versagt, bis 2011 mussten sich transsexuelle Menschen sterilisieren lassen als Vorraussetzung für eine geschlechtsangleichende Operation, das Recht von verpartnerten Paaren auf Adoption wurde zwar vom Verfassungsgericht entschieden, aber rechtlich noch nicht umgesetzt,…). Es gibt Menschen, die haben Kinder, aber es besteht kein Kontakt zu diesen Kindern. Für all diese Menschen kann die Präsenz und Penetranz dieses Muttertages ein echter Schlag ins Gesicht sein.

Für mehr statt weniger öffentlicher Zärtlichkeit!

Der neueste Schrei in bestimmten queeren Kreisen ist es, ein Knutschverzicht für Heteros zu propagieren. Die Argumentation geht folgenermaßen: Nicht-heterosexuelle Menschen würden mit jedem öffentlich knutschenden Heteropaar unter die Nase gerieben bekommen, dass sie das Privileg, öffentlich knutschen zu können, nicht haben. Das sei schmerzhaft für diese Menschen und deshalb sollen doch bitte die verliebten Heteros aus Solidarität mit nicht-Heteros das öffentliche Knutschen sein lassen. Dadurch würden sie ein Zeichen setzen, dass sie sich ihrer Privilegien bewusst seien und freiwillig darauf verzichten. Ganz verkürzt ausgedrückt also: Weil es anderen schlechter geht als mir, erlege ich mir selbst Beschränkungen auf. Christian hat ein paar sehr passende Vergleiche gezogen um die Absurdität dieses Ansinnens zu illustrieren.

Robin hat ebenfalls einen guten Text zu dieser irrsinnigen Idee geschrieben. Und am Ende macht sie einen absolut genialen Vorschlag, wie ich finde: Statt weniger knutschen, sollen wir doch alle viel mehr Zärtlichkeiten im öffentlichen Raum austauschen. Allerdings nicht nur mit Personen des jeweils anderen Geschlechts, sondern mit unseren gleichgeschlechtlichen Freundinnen, um damit eben echte Solidarität mit nicht-Heteros zu signalisieren. Denn nur wenn es üblicher wird, dass Menschen des gleichen Geschlechts auch in der Öffentlichkeit zärtlich miteinander umgehen, sind auch weniger Sanktionen für abweichendes Verhalten zu befürchten.

Je länger ich über diese geniale Idee nachdenke, desto mehr wird mir klar, dass diese Knutschverzichtsdiskussion ganz schön entlarvend ist. Denn dadurch wird sehr sehr stark ein Zustand fortgeschrieben, den die Proponentinnen doch eigentlich abgeschafft sehen wollen. Stellen wir uns also nun mal vor, wir würden bei Robins Vorschlag mitmachen. Wie fühlt sich diese Vorstellung an? Haben wir Angst vor Sanktionen? Fragen wir uns, was denn „die Leute“ über uns denken könnten? Ich wage zu behaupten, dass allein dieses Gedankenexperiment bei den meisten, die sich als homosexuellenfreundlich bezeichnen würden, arge Abwehrreaktionen hervorrufen wird. Nicht, weil sie es eklig fänden, zärtlich zum eigenen Geschlecht zu sein, sondern schlicht und einfach wegen der zu befürchtenden Sanktionen. Aber sich dieser Situation zu stellen ist doch viel solidarischer und lässt eine tausendmal mehr das eigene Privileg reflektieren als ein solidarischer Verzicht. Auch wenn es darum gar nicht so sehr gehen sollte, ist das ein sehr augenöffnender Nebeneffekt. Hauptsächlich würde es aber durch das Trollen der homophoben Dumpfbacken eben viel normaler, dass Menschen im öffentlichen Raum zärtlich zueinander sind, ganz unabhängig von der Geschlechtsidentität der Zärtlichkeiten austauschenden Personen.

PS: Ich habs übrigens schon ausprobiert, das Frauen knutschen in der Öffentlichkeit. Tut gar nicht weh, ist eigentlich genauso aufregend wie Männer knutschen.

Unterdrückungsmechanismen in emanzipatorischen Bewegungen?

Kürzlich fand ich mich selbst in einer Situation wieder, die mich sehr stark an das Experiment, welches in „Die Welle“ beschrieben wird, erinnerte. Wirklich erschüttert hat mich vor allem, wie sehr und wie leicht totalitäre Muster etabliert werden können, wenn eine nur ausreichend verschleiernd hauptsächlich an das Gemeinschaftsgefühl der Gruppe appeliert. Das ganze spielte sich in einer Gruppe junger Feministinnen ab, die sich ein- bis zweimal im Monat zu einem Stammtisch trafen. Es geht also nicht darum, dass irgendjemand im stillen Kämmerlein Hasstiraden in dieses Internet geschrieben hat, sondern um Menschen, die in regelmäßigem persönlichen Austausch zueinander standen. Dass selbst im persönlichen direkten Umgang miteinander solche totalitären Herrschaftskonzepte etablierbar sind und innerhalb kürzester Zeit engagierte reale Projekte zerstört, finde ich schockierend. Da die Auseinandersetzung über die zu etablierenden Unterdrückunsgstrategien aber gleichzeitig über eine Mailingliste schriftlich dokumentiert sind, wurde mir in aller Deutlichkeit bewusst, welche logischen Fehler und zivilisationsfeindliche Haltung hinder dem Konzept der Definitionsmacht steckt.

In feministischen Kreisen ist seit einiger Zeit ein Konflikt am gären bzw. offen ausgebrochen, der sich meiner Meinung nach hauptsächlich an einem Konzept entzündet, das sich Definitionsmacht nennt. Bei Wikipedia ist dazu nicht sonderlich viel zu finden, es gibt einen Artikel, der dieses Konzept im Zusammenhang mit sexualisierter Gewalt beschreibt, aber der ist nicht sehr ergiebig, was die eigentliche Problematik dieses Konzeptes betrifft.

Es ist mittlerweile aber leider so, dass dieses Konzept nicht mehr ausschließlich auf sexualisierte physische Gewalt angewendet wird, sondern ganz generell auf Situationen des Unwohlseins. Im Folgenden möchte ich zuerst einmal beschreiben, wie ich das Konzept der Definitionsmacht verstehe: Ausschlaggebend dafür, wer die Definitionsmacht habe, sei ausschließlich die Positionierung in einem (vermeintlichen) Machtgefälle. Fühle sich eine vermeintlich unterprivilegierte Person in einer bestimmten Situation unwohl, habe sie das Recht, dies ohne weitere Erläuterungen oder Begründungen zu signalisieren. Die vermeintlich privilegierteren Personen müssen diese „Kritik“ unhinterfragt annehmen und sollen in einem Prozess der Selbstreflektion herausfinden, was problematisch an ihrem Verhalten war. Die unterprivilegierte Person sei möglichst aus diesem Prozess herauszuhalten, da jedes Nachfragen eine Reproduktion des Unwohlseins bedeute. Und erklären müsse sie schon per definitionem nichts, denn sie habe ja die Definitionsmacht. Niemand außer ihr könne definieren, ob und warum sie sich unwohl gefühlt habe.

Soweit so trivial. Denn natürlich kann niemand außer mir selbst festlegen, wann ich mich unwohl fühle. Das ist aber überhaupt nicht der Punkt bei diesem Konzept. Leider ist es aber genau der Punkt, auf den die meisten reinfallen, wie mir scheint. Hört sich ja erstmal toll an, dass ich mich in Situationen, in denen ich mich unwohl fühle, zwar signalisieren kann, dass ich mich unwohl fühle, aber nicht erklären muss, warum. Denn das ist ja in der Tat leider häufig anders und kann als erneute Grenzüberschreitung empfunden werden. Dessen sollte sich eine in heiklen Gesprächssituationen durchaus bewusst sein. In jedem Kommunikationsseminar lernt eine, dass die Feedbackempfängerin das Feedback zuerst einmal unkommentiert annehmen und reflektieren sollte, bevor sie in den Dialog mit der Feedbackgeberin eintritt. Aber ich halte es für sehr gefährlich, wenn eine jegliche Auseinandersetzung mit heiklen Themen auf eine derart moralisierende Art und Weise beenden kann. Das führt zu Immunisierung gegen andere Sichtweisen und damit geradewegs in totalitäre Strukturen.

Sehr schön nachzulesen ist diese Immunisierungsstrategie z.B. bei Antje Schrupp:

Wenn hingegen „die Anderen“ für sich Definitionsmacht beanspruchen, dann bedeutet das: Wir brauchen euch von gar nichts zu überzeugen.

Nun gut, Antje Schrupp ist ja auch der Meinung, dass Rechtsstaatlichkeit ein zu überdenkendes Konstrukt sei (typischer Fall des Verwechselns von Inhalt mit formaler Funktionsweise)…

Gerne wird Definitionsmacht auch extrem verkürzt (und dadurch massiv verschleiernd) so erklärt: „Die Frauen, die sich an #aufschrei beteiligten, entscheiden, ob sie sich sexistisch behandelt gefühlt haben.“ Ach du meine Güte. Natürlich kann nur die Betroffene entscheiden, wie sie sich behandelt gefühlt hat. Ja, das hat #aufschrei auch gezeigt, viele Menschen denken, sie können besser bewerten als die Betroffenen, wie sich die Betroffenen zu fühlen haben. Das ist zum Kotzen und sowas sollte eine nicht tun. Schon lange bevor ich auch nur die winzigste Kleinigkeit über Definitionsmacht gelesen habe, habe ich mich darüber aufgeregt, wenn meine Mama mir den Schweinebraten mit „Der schmeckt gar nicht nach Schwein“ versucht hat schmackhaft zu machen. Wie kann sie entscheiden, was für mich nach Schwein schmeckt?!? Das ist aber keine Definitionsmacht sondern trivial.

Wenn eine aber mal genauer nachfragt bzw. hinhört, dann wird einer auch genauer erklärt, worum es beim Definitionsmachtskonzept denn nun wirklich geht: die von Diskriminierung betroffene Person entscheide, ob Diskriminierung stattgefunden habe. Dabei gehe es nicht um Meinungsverschiedenheiten (also doch nicht um ein schlichtes Gefühl des Unwohlseins) sondern um Machtgefälle. Machtgefälle können sein Mann – Frau, „Deutsche“- „AusländerInnen“, hetero – nicht-hetero, monogam – nicht-monogam, religiös – atheistisch, Omnivoren – VeganerInnen… Im wesentlichen treten solche Machtgefälle also immer da auf, wo eine Mehrheit auf eine Minderheit stoße (bei dem Mann – Frau Ding ist das etwas anders gelagert…). Es gibt die klare Aussage von Seiten der Definitionsmachtvertreterinnen, einer weniger privilegierten Person zu widersprechen sei diskrimierend (ich kann das immer noch nicht glauben, aber ich habs schriftlich…). Eigentlich brauche ich jetzt nicht mehr weiter zu erklären, was daran wahnsinnig ist. Aber weil ich aus eigener schmerzhafter Erfahrung weiß, dass es genügend Menschen gibt, die den Kurzschluss nicht sehen, nochmal in aller Deutlichkeit: Mit dieser „Begründung“ kann jede missliebige Aussage (egal ob eine Aussage über die Realität, eine ander Meinung oder etwas, was unangenhme Gefühle macht) moralisch als diskriminierend herabgewürdigt werden. Darüber hinaus findet ein klassischer Zirkelschluss statt, denn wenn die von Diskriminierung Betroffene entscheidet, ob sie diskriminiert wurde, kann jede vollkommen unhinterfragbar behaupten, diskriminiert worden zu sein. Oder im Umkehrschluss: Dadurch wird eine Hexenjagd konstituiert. Sobald eine der eigenen Verurteilung widerspricht, ist man erst recht dran, weil es als weiterer Beweis für das angeblich diskriminierende Verhalten gesehen wird.

Auf der logischen Ebene finden über diese unbegründete Grundannahme hinaus auch noch haupsächlich zwei Fehler statt:

  1. ein Empfinden („das Gesprächsthema berührt mich unangenehm“) oder Meinung („ich stimme der Aussage des Gegenübers nicht zu“) hat nichts mit einer Definition zu tun. Definitionen sind logisch generell reine Umschreibungen ohne moralische Bewertung oder ohne Darstellung eines Zusammenhangs. Es sind reine Hülsen.
  2. Typischerweise wird von Seiten der Definitionsmachtanhängerinnen missliebiges Verhalten als im negativen Sinne normativ, also unterdrückerisch bewertet. Beliebtes Beispiel: In der Öffentlichkeit knutschende Heteropaare werden als heteronormativ bezeichnet. Dabei wird die Bedeutung des Wortes „normativ“ vollkommen falsch gebraucht. Natürlich trägt jedes knutschende Heteropaar zum Eindruck bei, alle Menschen seien hetero, wenn eine eben nur knutschende Heteros in der Öffentlichkeit sieht. Diese Performance ist aber nicht normativ sondern rein deskriptiv, weil sie keinerlei Aussage darüber macht, ob das Paar denkt, dass alle Menschen hetero sein müssen. Die Wikipedia sagt zu normativ:

     Philosophische Normativität gibt an, wie etwas sein sollte. Normativ ist in der Philosophie in der Regel dem Attribut deskriptiv (beschreibend) als Beschreibung für Theorien und Begriffe entgegengesetzt. Deskriptive Aussagen sind Sätze über die Realität und können überprüft und gegebenenfalls auch widerlegt werden (Falsifikation). Normative Sätze geben vor, wie etwas sein soll, also wie etwas zu bewerten ist. In der Moralphilosophie wird beispielsweise normativ geklärt, ob etwas gut oder böse ist oder welche Handlungen moralisch geboten sind.

Machen wir mal ein unbelasteteres Gedankenspiel um das ganze praktisch zu illustrieren. Wenn also eine Atheistin, die durchaus institutionell diskriminiert wird, sich in einem Gespräch mit Christen über Religiösität unwohl fühlt, weil sie dadurch eben wieder daran erinnert wird, dass sie als Säugling ohne Zustimmung eine Konfession zugewiesen bekommen hat, dass sie deshalb gegen ihren Willen Kirchensteuern gezahlt hat, dass sie, um gegen Gebühr ihren Kirchenaustritt zu erklären zum Amtsgericht gehen musste, dass ihre Kinder von klein auf mit christlichen Bräuchen konfrontiert werden, dass im Kindergarten Ostern, Nikolaus und Weihnachten samt Jesuskind zelebriert wird, dass konfessionslose Kinder in der Grundschule zum christlichen Religionsunterricht gezwungen werden,… dann darf sie mit Fug und Recht behaupten, dieses Gespräch über Religiösität stelle eine diskriminierende Handlung dar? Natürlich stellt das Gespräch über Religiösität an sich KEINE diskriminierende Handlung dar, solange niemand sagt, dass die Atheistin nicht mitreden dürfe oder unbedingt Christin werden müsse.

Ein weiterer Aspekt, um die Absurdität dieser Aussagen darzustellen: Eine feministische Forderung ist, dass Frauen nicht anders behandelt werden als Männer. Aber hetero, monogam Lebende,… sollen in all ihren (Sprach-)handlungen anders beurteilt werden als nicht-hetero, nicht-monogam,…? Wieviele Vorurteile sollen da rein aufgrund von willkürlichen Kategorien (Brillenträgerin, Akademikerin, Mutter, weiß,…) auf Individuen geladen werden, während gleichzeitig vorgegeben wird, gegen jegliche Vorurteile vorzugehen?

Während der Auseinandersetzung über all diese Punkte auf einer Mailingliste mit Menschen, die mir alle hauptsächlich durch reale Treffen persönlich bekannt sind, wurde per Twitter innerhalb dieser peer-group mehrmals mehr oder weniger explizit kolportiert, dass ich keine Feministin sei. Und das war dann der Punkt, wo ich gemerkt hab, dass da gerade nichts anderes abgeht als bei „Die Welle“ beschrieben wurde. Menschen, die Kritik an der Ideologie üben werden einfach mal ratzfatz als „nicht dazugehörig“ definiert. Ich sags ja, totalitär…

Ich möchte noch darauf hinweisen, dass es vollkommen egal ist, auf welche Kategorien und angeblichen oder realen Machtverhältnisse dieses Konzept angewendet wird. Die falsche Logik hat immer die gleichen desaströsen Auswirkungen. Bei Critical Whiteness ist es der Antirassismus, der dadurch in Mitleidenschaft gezogen wird, bei Männer vs Frauen ist es der Feminismus, der dadurch diskreditiert wird und Antifeministen und Maskulisten legitimes Futter für ihre unsäglichen Tiraden gegen Frauen liefert.

Egal worauf das Definitionsmachtskonzept angewendet wird, untergräbt es die Grundlage unserer Zivilgesellschaft. Es immunisiert den eigenen Standpunkt gegenüber allen anderen Sichtweisen. Es ist dogmatisch, weil beliebige Aussagen von angeblich Unterdrückten weder moralisch noch inhaltlich widersprochen werden kann und es ist totalitär, weil die Geltung dieser absoluten Aussagen auf beliebige andere Bereiche übertragen wird (wer dem Definitionsmachtskonzept nicht anhängt, ist Rassistin, twitterRassistinKadda_bearbeitetkeine Feministin, etc)Tweet_antifem

Das Ziel einer offenen Gesellschaft ist die Maximierung der Freiheit des Denkens, Sprechens, Schreibens, individuellen Handelns. Dies wird erreicht durch die Maximierung der Kritisierbarkeit. Immer da, wo die Freiheit der einen mit der Freiheit der anderen kollidiert, brechen Konflikte auf. Diese können nur dann so zivil, rational und gewaltarm wie möglich gelöst werden, wenn auf inhaltlicher, abstrakt sprachlicher Ebene ein Diskurs so klar, offen und intersubjektiv überprüfbar wie möglich ausgetragen werden kann. Das mag manchmal unangenehm bis schmerzhaft sein. Aber die Minimierung physischer Gewalt, die Minimierung der Unterdrückung der persönlichen Freiheit wird nur durch Maximierung der Kritik erreicht.

Eine Position zu immunisieren, dogmatisch jegliche Kritik daran als Diskriminierung zu bezeichnen und damit zu unterdrücken und totalitäre Unterwerfung unter ein unlogisches Konzept zu fordern untergräbt die fundamentale Grundlage einer freien und offenen Gesellschaft. Dies würde in letzter Konsequenz erst zu einem Zerfall der Gesellschaft in nicht mehr offen untereinander kommunizierende Gruppen und anschließend in eine physisch gewaltvollen Clash verschiedener Dogmen führen.

Obwohl das so ist, warum hat dieser Wahnsinn trotzdem so eine Kraft? Diejeniegen, die das propagieren, reden die ganze Zeit davon, wie wichtig Sprache sei, haben aber gar nicht kapiert, wie Sprache funktioniert. Da gibt es die eine Gruppe, die in dem Konzept einen Schutzraum sieht, der ihnen die Möglichkeit gibt, in einer heimeligen Gruppe aufzugehen, ohne die dahinterliegende fehlerhafte Logik zu durchschauen. Dieser Schutzraum funktioniert leider nur so lange, bis diese Leute aus willkürlichen Gründen in die Täterinnenrolle gedrängt werden und damit zum Opfer dieses Konzepts werden. Und es gibt die andere Gruppe, die dieses Konzept ganz klar als Machtinstrument missbraucht, die wahrscheinlich auch nicht kapiert, welch essentialistischer Mist dieses Konzept ist, aber wo ich mich schon frage, ob sie bewusst dieses Konzept zur psychologischen Manipulation der ersten Gruppe missbrauchen.

Die Sache mit den Privilegien

In meinem ganz alltäglichen Umfeld außerhalb meiner virtuellen Filterbubble begegnen mir sehr viele Menschen, die wenig bis gar nicht darüber nachzudenken scheinen, an welchen Stellen sie privilegiert sind und welche Konsequenzen das hat.

Wenn sich z.B. über mangelnde Auslandserfahrung einer Bewerberin mokiert wird. Das gehört doch heutzutage zum Standard, dass man mal im Ausland gelebt hat (funfact: dabei handelte es sich um eine deutsche Bewerberin, die sich auf eine Doktorandinnenstelle in – tada – der Schweiz beworben hat, also gerade Anstrengungen erkennen ließ, diese Auslandserfahrung zu erwerben). Meine Bedenken, dass es sich vielleicht auch nicht jede leisten könne, ein Auslandssemester/-praktikum zu machen und es doch für die gerade diskutierte Stelle auch unerheblich sein, ob die Kandidatin Auslandserfahrung habe und überhaupt doch auf dem besten Wege sein, diese Auslandserfahrung zu machen wurden weggewischt mit den Erzählungen, wie andere privilegierte Studentinnen doch auch im Ausland waren, es gäbe doch Stipendien etc. pp. Da muss eine aber teilweise Dinge vorfinanzieren und es war meiner Gesprächspartnerin nicht beizubringen, dass nicht jede mal eben so 1000 Euro über hat, um ein Flugticket zu kaufen, auch wenn das Stipendium die Kosten im Nachhinein übernimmt. „Wo ein Wille, da ein Weg“ war die arrogante Logik. Mal ganz abgesehen davon, dass auch der Zugang zu Stipendien meist nur bestimmten Gruppen von Studierenden aus strukturellen Gründen offensteht.

In Teilen meiner virtuellen Filterbubble hingegen ist es gerade sehr en vogue jeglichen Diskurs über egal welch ein Thema im Keim zu ersticken mit dem Argument, die Person solle doch bitte erstmal ihre Privilegien checken. Und das finde ich äußerst problematisch.Nur weil eine Person anderer Meinung ist als ich, kann ich daraus doch nicht schließen, dass diese Person sich keine Gedanken darüber gemacht hat, wo sie selber steht in dem Diskurs. Natürlich finde ich es auch ärgerlich, wenn ein Mann locker-flockig die Existenz der Gender Pay Gap negiert und im Laufe der Diskussion klar wird, dass er sich für fähiger als das statistische Bundesamt hält. Und natürlich schreit in mir drin alles „Privilegienheini!“. Aber weiß ich wirklich, wie privilegiert mein Diskussionspartner ist? Von der Gender Pay Gap mag er vielleicht profitieren, aber es gibt ja leider mehr Diskriminierungs- und Privilegierunsebenen in unserer Gesellschaft. Ironischerweise scheinen es aber vor allem Intersektionalistinnen zu sein, die dieses „Privilegienargument“ gerne bringen. Ich kapiers einfach nicht, wie einer dieser Zirkelschluss nicht auffallen kann. Und es kann doch auch nicht im Sinne der Erfinderin sein, dass wir uns nun alle erstmal zwangsouten müssen, bevor wir in einer Diskussion vielleicht ernstgenommen werden.

Ich will nicht, dass Bewerberinnen begründen müssen, warum sie keine Auslandserfahrung haben und ich würde mir wünschen, dass das Bewusstsein dafür, dass ein Auslandssemester u.a. vom Kontostand und dem Zugang zu Förderressourcen abhängen kann, sich auch bei denen durchsetzt, die während des Studiums alleine in der 2 Zimmer Eigentumswohnung der Eltern gewohnt haben. Natürlich habe ich mich hier eines pauschalisierenden Klischees bedient, aber ich hoffe, ihr versteht, was ich damit aussagen will.

Ich will aber auch nicht, dass sich eine, bevor sie in eine Diskusion inhaltlich einsteigen darf, zuerst nackig machen muss. Ich kann meine Privilegien auch reflektieren, ohne mein Umfeld daran teilhaben zu lassen. Manchmal geht es euch schlicht nichts an, ob eine diese oder jene Erfahrung schonmal gemacht hat. Ihre Meinung dazu kann anderen aber trotzdem den Horizont erweitern.

Was ich nicht meine: Dass es voll okay ist, wenn Erfahrungen relativert werden sollen. So nach dem Motto: „Also mir ist das noch nie passiert, ich weiß gar nicht, was du hast, stell dich doch nicht so an, blablabla“.

Achja, es ist kompliziert… Was mich auch ganz gewaltig an der Auseinandersetzung stört: Wenn eine Bedenken äußert, ob das mit diesem „Privilegien checken“ denn immer so eine gute Idee sei, dann wird einer sofort Abwehrverhalten vorgeworfen. Und auch da wieder: Was wisst ihr schon? Vielleicht reflektiere ich meine Privilegien den lieben langen Tag, vielleicht erscheinen manche Privilegien auch nur aus einem bestimmten Blickwinkel als Privileg, vielleicht gehts mir auch „einfach nur“ um Liberalismus.

Aus Gründen der Aufmüpfigkeit wurde dieser Text im generischen Femininum geschrieben. Männer sind selbstverständlich mitgemeint.

Und so funktioniert essentialistische Logik.Nicht.

Die erste (und bisher einzige) Kritik an meinem Tacheles-Text war folgende:

Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, ich hätte das nicht kommen sehen, mittlerweile weiß ich ja, wie das mit der essentialistischen Logik funktioniert. Und die folgende längere Begründung für die Kritik      

zeigt sehr schön, was an dieser Logik eben nicht funktioniert: In einer inhaltlichen Auseinandersetzung sind Worte Vehikel, um Botschaften zu transportieren. Die Worte an sich haben nicht, wie der Essentialismus behauptet, eine absolute Bedeutung, sondern sind Konventionen darüber, wie wir gedankliche Inhalte transportieren. Wer einem Kleinkind schonmal beim erlernen der Muttersprache beobachtet hat, wird feststellen, dass das Kind in diesem Prozess Wörter auf ihre Bedeutung hin testet. Worte, die nicht direkt verstanden werden, werden in unterschiedlichen Kontexten ausprobiert, um sich anhand der Reaktion der Erwachsenen die Wortbedeutung zu erschließen. Dem Wort an sich wohnt aber keine absolute Idee inne, wie es gerne von den EssentialistInnen behauptet wird… Zurück zum Beispiel. Die Redewendung ‚Eier in der Hose haben‘ wird umgangssprachlich für Männer, die durchgreifen, angewendet. Es in einem feministischen Kontext zu verwenden, bedeutet für mich, dass ich mir diese Redewendung aneigne und umdeute. Auch kann ich einen gewissen ironischen Unterton nicht leugnen. Dass diese 5 Wörter den Rest meiner Gedanken obsolet machen sollen, ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie in dieser Logik jeglicher Diskurs verunmöglicht wird. Neben diesem Aspekt frage ich mich außerdem, wer definiert, welche Worte in einem feministischen Kontext was zu suchen haben und welche nicht.

Das erinnert mich doch stark an „Das Leben des Brian“: „Er hat Jehova gesagt!“

Ich danke Frl_Pfefferminz für dieses anschauliche Beispiel, weil es mir geholfen hat, nochmal klar herauszuarbeiten, was einer der Knackpunkte dieser Denkschule ist. Erschreckend finde ich es trotzdem, dass sich das scheinbar ganz tief eingegraben hat in feministische Kreise und fast schon reflexhaft ist. Aber es zeigt auch: Wenn man die Stelle, an der man sich stößt, explizit benennt, ist eine Auseinandersetzung damit möglich. Was soll ich mit einer Kritik anfangen, die sagt: „Ich habe mir schon ähnliche Gedanken wie du gemacht, kann deinem Text aber nicht zustimmen, weil du an einer Stelle was unaussprechbares gesagt hast.“

 

 

Dann reden wir doch mal Tacheles

Nachdem Meredith Haaf heute per Twitter ihren Rückzug aus der Mädchenmannschaft öffentlich gemacht hatte,

rief @mh120480 dazu auf, ihm (anonym) Informationen zur Mädchenmannschaft zukommen zu lassen. Die sich daraufhin entspinnende Diskussion offenbarte, dass vielen die problematische Grundhaltung des Kernteams der Mädchenmannschaft nicht klar zu sein scheint. Dabei braucht es allerdings gar kein Insiderwissen, wie @Autofocus es vermutet.  Man kann das alles öffentlich nachlesen.

Nachdem sich die Moderations- und Kommentarpolitik merklich veränderte (weg von kontroversen Diskussionen, in denen auch abweichende Meinungen ernst genommen wurden hin zu Zurechtweisungen der weniger belesenen KommentatorInnen) erschien ein Beitrag, der für mich ein erster Hinweis auf eine gelinde gesagt sehr verdrehte Weltsicht war.

Da in den Diskussionen immer häufiger gefordert wurde, dass der/die geneigte LeserIn sich doch bitte selber schlau machen solle anstatt den Autorinnen durch ernstgemeinte Nachfragen die Zeit zu stehlen, tat ich genau dies: Ich begann, ein wenig im Dunstkreis der Autorinnen zu lesen und stieß auf das Konzept der Definitionsmacht. Am deutlichsten ausgeprägt ist dieses Konzept im Bereich der Critical Whiteness. Mir wurde ziemlich schnell klar, dass dieses Konzept immanent totalitär und essentialistischer Quatsch ist. Was genau auf logischer Ebene diesen Quatsch ausmacht, ist einen eigenen Blogbeitrag wert.

Das ganze gipfelte dann in den (Nicht)-Beschreibungen der Vorkommnisse beim 5-jährigen Geburtstag der Mädchenmannschaft und nahezu unlesbaren Stellungnahmen der dort anwesenden Mädchenmannschaftsautorinnen (natürlich fein säuberlich nach Hautfarbe aufgeteilt in ‚über jeden Zweifel erhaben‚ und ‚auf dem Weg zu gut, aber noch nicht gut genug‚). Nirgendwo ist herauszufinden, was jetzt genau schlimmes vorgefallen ist, da schon das alleinige Beschreiben des Vorfalls angeblich eine Reproduktion von Rassismus darstellt. Die Empfindung einer oder mehrerer Personen wird per Definitionsmachtkonzept zu einer Definition verklärt. Anhand des essentialistischen Missverständnisses wird dieser Definition eine absolute Bedeutung beigemessen, die im Weiteren natürlich nicht diskutiert und in Frage gestellt werden darf. Das ist dogmatisch und diskursfeindlich, es entzieht den eigentlichen Inhalt der Debatte und ist hochgradig schädlich für eine freie Gesellschaft.

Besonders einem Aspekt möchte ich an dieser Stelle nochmal besondere Aufmerksamkeit schenken:

Unabhängig von dem Panel zeigte sich unsere geringe awareness auch darin, dass wir einen Workshop durch eine Mädchenmannschafts-Kolumnistin zugelassen haben, in dem alleinig aus einer weißen Position über Frauen in der ägyptischen Revolution gesprochen wurde und – nach Berichten – die Diskussion sich fast ausschließlich um das Thema “Kopftuch” drehte. Keine von uns war in diesem Workshop anwesend und intervenierte. Einige weiß positionierte Autorinnen und Nadia aus dem MM-Team hatten den Workshop bereits im Vorfeld diskutiert, nachdem der erste Titelvorschlag der Referentin durch das Orgateam abgelehnt worden war. Es hatte also auch in diesem Fall Bedenken gegeben, die nicht zu einschreitenden Aktionen geführt haben. […]

Bezüglich des Workshops “Frauen in der ägyptischen Revolution” werden wir die Kolumnistin der Mädchenmannschaft, die den Workshop gegeben hat, mit der Kritik konfrontieren und eine Stellungnahme einfordern. Sollte sich die Verantwortungsübernahme der betreffenden Workshopgeberin als weiß Positionierte in diesem Aufarbeitungsprozess nicht wiederfinden, halten wir personelle Konsequenzen nicht für ausgeschlossen.

Quelle: Mädchenmannschaft

Mit anderen Worten: Man ist gerne bereit, das Angebot für einen Workshop anzunehmen, auch wenn man den Titel problematisch findet. Wenn sich aber anschließend die richtigen Leute beschweren, dann hat man plötzlich nicht mehr die Eier in der Hose, zu der vorher getroffene Entscheidung für den Workshop zu stehen, sondern schiebt der Workshopgeberin alle Schuld in die Schuhe und wenn sie sich nicht auf die richtige Art und Weise entschuldigt, dann darf sie nicht mehr mitspielen. Mir fehlen echt die Worte angesichts so wenig Rückgrat. Die Leute, die hier gerne eine Person so unter der Gürtellinie fertig machen würden, sind die gleichen, die an anderer Stelle die ganze Zeit was von ‚herrschaftsfreien Räumen‘ phantasieren.

In Zusammenhang mit Merediths Rückzug macht @dieKadda noch auf einen anderen Aspekt aufmerksam:

Da liegt die Vermutung nahe, dass tunlichst der Eindruck vermieden werden soll, dass Merediths Austritt in Zusammenhang steht mit den Vorkommnissen beim Geburtstagsfest.

Mit Merediths Rückzug haben sich nach Susanne Klingner, Barbara Streidl und Katrin Rönicke nun alle 4 Autorinnen der ersten Stunde aus der Mädchenmannschaft verabschiedet. Vor 5 Jahren war dieses Projekt für mich der Inbegriff des Pluralismus, des offenen Diskurses und diente dazu, Menschen (unabhängig von Geschlecht und sonstiger Kategorien) von von außen auferlegten Rollenbildern und -zwängen zu befreien. Was dort diskutiert wurde war relevant für die gesamte Gesellschaft. In neuerer Zeit waren die meisten Beiträge nur noch für AnhängerInnen poststrukuralistischer Pseudologik interesant. Die Beiträge waren größtenteils freiheitsfeindlich und die Kommentare beschränkten sich dank rigider Moderationspolitik auf langweiliges Beifallklatschen.

Sooo frustrierend!

Mein erster Arbeitstag nach 15 Wochen Mutterschutz und 9 1/2 Wochen Elternzeit war im großen und ganzen sehr schön. Die Kollegen haben sich gefreut, dass ich wieder da bin, ich habe direkt einige neue spannende Projekte zum Bearbeiten auf den Tisch bekommen und es fühlte sich alles noch sehr vertraut an. Leider wurde er überschattet von einigen sehr ungeschickten Äußerungen meines neuen Chefs.

Schon bei einem Kennenlern-Gespräch im Februar, als klar war, dass er mein neuer Chef wird, hat er durchblicken lassen, dass ich mich mit meinem Wunsch, ab September wieder Vollzeit zu arbeiten, nicht überfordern solle. Hat mich damals schon genervt. Ich habe mit einem Kind Vollzeit gearbeitet, warum sollte das mit zweien nicht auch gehen? Macht er ja auch. Als er dann erfuhr, dass der Mann an meiner Seite als Wissenschaftler in einer internationalen Kollaboration an einem Experiment arbeitet, dass 750 km weit entfernt ist, war für ihn klar, dass der Mann natürlich ganz oft auf Reisen ist. Geht ihn es was an, dass der Mann seit 3 Jahren kaum noch auf Dienstreisen geht, weil er ganz selbstverständlich so viel Zeit wie möglich mit seiner Familie verbringen möchte. Oder dass der Mann aus 10 monatiger Erfahrung weiß, wie anstrengend „alleinerziehend“ ist. Ich fand „nein“, wie der Mann und ich unser Familienleben organisieren muss ich meinem Chef nicht erklären.

Heute also dann das Willkommens-Gespräch. Und wieder: Wenn ich Vollzeit arbeiten wolle, solle ich mir im klaren sein, dass sie dann auch vollen Einsatz von mir erwarten. Er wüsste, dass Frauen top organisiert seien und Job und Familie unter einen Hut bekommen könnten, aber seine Frau sei mit den 2 Kindern und der Teilzeitstelle ganz schön in ein Korsett gepresst. Ah ja, und er so mit seinen 2 Kindern als Vollzeitführungskraft? Ich Kuh hab das so deutlich natürlich nicht formuliert, am ersten Tag will man ja nicht gleich total auf Krawall machen. Habe also nur eingeworfen, dass er doch auch Vollzeit arbeite. Hat er aber nicht kapiert. Und wie es denn aussähe mit Dienstreisen, ob ich da flexibel sei. Allerdings dermaßen suggestiv gestellt die Frage, dass ich das Gefühl hab, der rechnet sowieso damit, dass ich sage, dass ich max. einen Tag ohne Übernachtung von zu Hause weg sein kann. Und wieder war ich zahm und habe gesagt, dass ich das zwar absprechen muss und nicht versprechen kann, dass ich jederzeit auch kurzfristig Gewehr bei Fuß stehe, aber prinzipiell Dienstreisen, auch kurzfristige(!), kein Problem darstellen. Wieder hatte ich das Gefühl, das ist dermaßen jenseits seiner Vorstellungswelt, dass das gar nicht angekommen ist.

Dann mache ich mein Postfach auf und finde eine Mail vom Chef von Freitag, an mich und 2 Kollegen. Da ging es um die Verteilung einer kurzfristig anstehenden Aufgabe inkl. Dienstreise. Und da steht dann allen Ernstes: Mich könne man ja nicht schicken, aber ich könne die anschließende Bearbeitung übernehmen. Als ich das las, habe ich SOFORT zum Telefon gegriffen und den Chef gefragt, warum man mich nicht schicken könne, schwanger sei ich nicht mehr. Begründung: Ich solle erstmal wieder ankommen, das mit der Familie müsse sich ja auch erstmal einspielen und dann noch frühmorgens zu einer Dienstreise aufbrechen, nein, das hätte er mir nicht antun wollen.

Melanie hat hier von Bewerbungsgesprächen berichtet, wo es ähnliche Vorurteile gegen Mütter gab. Dass es aber in der Schärfe nach der Geburt des zweiten Kindes in einem bestehenden Arbeitsverhältnis passiert, zeigt, dass es auch im Jahr 2012 für eine Mutter nicht reicht, gute Arbeit zu machen, flexibel und zuverlässig zu sein (ich gehe davon aus, dass ich während meiner Vollzeitberufstätigkeit mit einem Kind all dies war, denn ich wurde im letzten Jahr bei der Zielerreichung besser bewertet als ich mich selbst eingeschätzt hatte). Man kann das Gegenteil längst bewiesen haben, aber als Mutter ist man für manche Chefs nach wie vor eine tickende Zeitbombe. Und das schlimme ist: Der meint das gar nicht böse, oder absichtlich diskriminierend, im Gegenteil, der denkt sicher, dass er voll der Frauenversteher ist, weil er so nett zu mir ist.

Versöhnlicher Abschluss des heutigen Arbeitstages: mein Bürokollege hat mir gesagt, dass er bei mir überhaupt keine Bedenken hätte, dass ich für 4 Wochen nach Kalifornien auf Dienstreise gehen würde. Aber das Projekt sei schon jetzt so vor die Wand gefahren, dass er die Suppe wohl selber auslöffeln müsse.

Mädchen WOLLEN rosa tragen?

Wenn mir noch einmal jemand erzählt, 2-jährige Mädchen WOLLEN rosa tragen, dann fang ich laut an zu lachen.

Beim kleinen Menschen besteht der Verdacht, dass er lieber mit dem linken als mit beiden Augen guckt. Also muss er jetzt jeden Tag eine halbe Stunde mit einem Pflaster auf dem linken Augen rumkrabbeln. Als ich das Rezept für die Augenpflaster gesehen habe, hat mich ja schon fast der Schlag getroffen: Da stand „Opticlude 3M comfort Boys Mini Augenpflaster“. Ich ahnte ja schon, was das bedeutet, und als ich die Packung dann geöffnet habe, bewahrheitete sich die Ahnung: die Pflaster kommen mit drei verschiedenen Motiven: Fußball, Zoo und Autos. Man kann sich also ungefähr vorstellen, welche Motive auf den Pflastern für Mädchen drauf sind.

Dass man da irgendwelche bunten Bildchen draufdruckt, ist ja in Ordnung, aber warum zum Teufel müssen da schon wieder irgendwelche Klischees reproduziert werden? Noch dazu bei Kindern, die selber noch gar kein Bewusstsein für ihr Geschlecht haben? Das bekommen sie nämlich erst mit ca. drei Jahren. Dass aber schon 2-jährige dem Rosawahn verfallen sein sollen oder einen Faible für Autos entwickelt haben, kommt wohl eher daher, dass sie von Geburt an mit Geschlechterrollenzuweisungen bombadiert werden…

Fehlt mir vielleicht ein Gen?

Irgendwie habe ich den komischen Verdacht, dass ich nicht ganz normal bin. Der angeblich bei allen werdenden Müttern unabwendbare Kaufrausch ist bei mir noch immer nicht eingetreten und auch ein anderes Phänomen, was ich angeblich allein aufgrund meines Chromosomensatzes erfahren müsste, habe ich bis jetzt noch nicht an mir feststellen können: den Aufzucht- und Pflegeinstinkt. Ich fühle mich in keinster Weise besser auf die Aufzucht und Pflege vorbereitet als ich den Eindruck bei Philip habe. Wir sind in manchen Punkten gleich unsicher, in anderen ähnlich zuversichtlich, dass das schon irgendwie laufen wird.
Glaubt man einigen schreibenden Männern der neuen Vätergeneration, dann haben Frauen allerdings einen angeborenen Mutterinstinkt, der Vaterinstinkt hingegen muss hart erarbeitet werden.
Meine Theorie dazu: Elternschaft ist so ziemlich der einzige Bereich, in dem die Gesellschaft den Frauen höhere Kompetenzen zuschreibt als Männern. Das führt dazu, dass die Frauen in dem Bereich ein Verhalten an den Tag legen, was im Berufsalltag sonst eher bei Männern zu beobachten ist: Absolute Sicherheit bei totaler Unkenntnis. Und weil die Männer das von den Frauen nicht gewohnt sind, denke sie, dass die Frauen instinktiv wissen, wie man mit einem Säugling umgehen muss.
Liebe Männer, lasst euch gesagt sein: Ich habe keinen blassen Schimmer, was da in naher Zukunft auf mich zukommt, da hilft mir auch mein zweites X-Chromosom wenig…
Also von einem Mutterinstinkt von der Entbindung an (oder sogar schon davor) kann wirklich nicht die Rede sein. Auch Mütter müssen sich an diesen Menschen, der von seinen Eltern so abhängig ist, erst mal gewöhnen. Klar, im Normalfall ist die Mutter die Person, die in der Lage ist, diesen Menschen zu ernähren, aber das allein führt doch noch nicht dazu, dass sie die einzige Person ist, die dem Kind Wärme und Sicherheit gibt.
Aber es ist natürlich viel bequemer, sich weiterhin mit dem zu beschäftigen, was man jahrelang eingeübt hat: Tag für Tag bei der Arbeit bei den Kollegen und den Chefs so zu tun, als wüsste man immer bestens Bescheid…

Nachtrag: Eben war ein Techniker hier, um unsere Waschmaschine zu reparieren. Er war sich allerdings nicht ganz sicher, wie lange seine Bastelei hält und meinte: „Falls Ihr Mann gerne bastelt…“ worauf hin ich ihm erklärt habe, dass ICH die Ingenieurin bin. Also, Männer, das nächste Mal, wenn ihr mal wieder nicht wisst, wie ihr mit eurem Kind umgehen sollt, stellt euch doch einfach vor, es sei eine kaputte Waschmaschine oder eine Bohrmaschine. Denn das sind doch die Dinge, wo es angeblich sowas wie einen männlichen Instinkt gibt… Dass es den männlichen Bohrmaschineninstinkt natürlich nicht gibt, wisst ihr schon lange, warum soll es also einen weiblichen Säuglingspflegeinstinkt geben? Aber so, wie ihr einfach ohne Berührungsängste die Bohrmaschine in die Hand nehmt, solltet ihr auch auf eure Kinder zugehen…

Und wieder was feministisches

Heute abend beim Abendessen haben wir unter anderem auch darüber diskutiert, ob es sinnvoll ist, Mädchen und Jungen getrennt in bestimmten Fächern zu unterrichten. Ich bin ja eine große Befürworterin von getrenntem Physikunterricht. Eine Kollegin von mir, auch Ingenieurin, ist der Meinung, dass das an der Realität vorbei gehe, schließlich müssen sich Frauen im technischen Berufsumfeld auch gegen Männer durchsetzen, da sollten sie dies auch schon in der Schule lernen. Ich denke, dass sie da von etwas ausgeht, was vielen Mädchen aber gar nicht klar ist, nämlich dass sie in Naturwissenschaften genauso gut sind wie Jungs, auch wenn sie vielleicht andere Lösungsstrategien anwenden.

Während des Studiums habe ich als Mentorin die Schnupperuni betreut. Ursprünglich vom Gleichstellungsbüro konzipiert, um Mädchen für naturwissenschaftlich-technische Studienfächer zu begeistern, wurde sie von den naturwissenschaftlich-technischen Fächern übernommen, als die Studierendenzahlen allgemein in diesen Fächern immer weiter abnahmen. Also gab es zuerst eine Woche für Schülerinnen und Schüler und danach nochmal eine Woche nur für Schülerinnen. Zu dem Zeitpunkt hatte ich eigentlich eine ähnliche Einstellung wie meine Kollegin. Selber die Tochter von Eltern, die beide einen technischen Beruf ausüben, hatte ich auch in der Schule die Erfahrung gemacht, dass Mathe, Physik und Chemie keine Zauberei sind. Und dennoch hatte ich bis zu meinem 20. Lebensjahr keine Bohrmaschine in der Hand gehabt. Bei der Schnupperuni konnte ich dann eine sehr prägende Erfahrung machen. Die Veranstaltungen waren in beiden Wochen die gleichen, einmal für gemischte Gruppen und einmal für reine Mädchengruppen. Bei den gemischten Gruppen war es so, dass bei Fragen oder Aufforderungen, etwas zu machen, meistens die Jungen vorpreschten mit Antworten oder Vorschlägen, die oft nur bedingt richtig oder sogar falsch waren. Die Mädchen in der Gruppe hingegen waren eher zurückhaltend, hatten aber oft die richtigeren Ideen. In der zweiten Woche konnte ich mir dann das Verhalten der Mädchen unter sich anschauen und auch hier waren die Mädchen zögerlicher, aber dadurch, dass da kein Junge war, der einfach irgendwas drauflosplapperte oder vorschnell rumprobierte, hatten die Mädchen genügend Raum, das Problem auf ihre Weise zu lösen und meistens waren diese Lösungsvorschläge deutlich ausgereifter als das, was eine Woche zuvor in den Raum gestellt wurde.

Wie gesagt, bis zu dem Erlebnis hatte ich auch die Einstellung, dass geschützte Räume für Mädchen und Frauen Quatsch seien, da in der großen weiten Welt nun mal 49% Männer leben, mit denen man klar kommen muss. Und als Ingeneurin hat man es im Berufsleben sogar mit 90% Männern zu tun, da kann es also nicht schaden, wenn man früh genug anfängt zu lernen, wie es mit den Jungs so läuft.

Mädchen, die zur Schnupperuni für naturwissenschaftlich-technische Studienfächer gehen, haben wahrscheinlich genügend Selbstbewusstsein und positive Erfahrungen im naturwissenschaftlichen Unterricht in der Schule gesammelt, um sich (hoffentlich) von den vorpreschenden Jungs nicht allzu sehr abschrecken zu lassen. Aber was ist mit den Mädchen, die aufgrund des oben beschriebenen Verhaltens der Jungs in der Schule das Gefühl haben, dass ihnen Mathe oder Physik einfach nicht liegt (und Freundinnen von mir haben mir auch von Lehrern erzählt, die ihren Schülerinnen im Physikunterricht klar vermittelt haben, dass Mädchen Physik-Versagerinnen seien, ein Lehrer hatte über seine Schule hinaus diesen Ruf weg), einfach nur, weil sie erst denken und dann reden, Jungs hingegen einfach mal ausprobieren, wenn sie sich dabei ein blaues Auge holen, halb so wild, aus Fehlern lernt man. Mädchen hingegen handeln tendenziell erst, wenn sie sich ihrer Sache ganz sicher sind. Wenn sie nun dieses Verhalten auf das Verhalten der Jungen übertragen, dann müssen sie ja schließen, dass die Jungs das besser können, wenn die so schnell loslegen.

Die gerade stattfindende Diskussion darüber, dass Jungen in der Schule benachteiligt werden, habe ich durchaus mitbekommen und verfolge sie mit Interesse. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es in der Grundschule tatsächlich so ist, das vor allem angepasstes Verhalten belohnt wird und Mädchen darin besser sind, vielleicht sogar in den meisten Fächern in der Sekundarstufe. Meine Schulzeit liegt ja nun schon über 11 Jahre zurück und wie ich oben bereits schrieb, habe ich nie direkt die Erfahrung gemacht, das Gefühl zu haben, in Chemie oder Physik schlechter zu sein als der mehrheitlich männliche Durchschnitt. Und doch kenne ich das Gefühl zu denken „Was machen die da? Woher können die das? Hab ich was verpasst?“ um später festzustellen, die konnten es genausowenig wie ich, sie haben einfach rumprobiert. Ich habe also keine Ahnung, wie es heutzutage in den Schulen aussieht, und die Anfängerinnenzahlen in naturwissenschaftlich-technischen Studiengängen lassen ja auch vermuten, dass Mädchen in dem Bereich aufholen (ja, ich weiß, im Großen und Ganzen haben sie die Jungen längst überholt…), aber interessant fand ich die Frage meiner Kollegin, ob sich von den anwesenden Männer je einer dafür rechtfertigen musste, dass er einen technischen Beruf gewählt habe. Dies wurde von allen verneint, aber sie und ich haben schon mehr als einmal die Frage gehört: „Ingenieurin? Wie bist du denn auf die Idee gekommen?!? Das ist aber kein typischer Frauenberuf!“. Ist es also so abwegig, dass sich Mädchen von der scheinbar nach wie vor vorherrschenden Meinung, Naturwissenschaften und Technik sei nichts für sie, beeindrucken lassen? Ist es da nicht vielleicht sinnvoll, sie gewisse Erfahrungen auf ihre Weise machen zu lassen um sie, wenn sie auf diesem Gebiet selbstbewusst genug sind, erst dann mit der Herangehensweise der Jungen zu konfrontieren?

Ach ja und was mich heute so richtig aufgeregt hat: Eine Studie des Bildungsministeriums hat ergeben, dass bei Einführung der Studiengebühren die Zahl der Abiturienten zugenommen hat, gleichzeitig aber die Zahl der Studienanfänger abgenommen hat, vor allem Mädchen und Menschen aus sogenannten „bildungsfernen Schichten“ entscheiden sich seither seltener für ein Studium…