Tagebuchbloggen 17.03.2020

Diszipliniert um kurz nach 7 aufgestanden. Gefrühstückt, und um 8:15 Uhr am Schreibtisch gesessen. Aber da waren schon alle VPN Lizenzen weg. Also auf dem Handy ne Mail an die Kollegen geschrieben, dass ich zwar nicht per lync erreichbar bin, aber per Mail und Telefon. Den Sharepoint hatte ich am Freitag mit OneDrive zum Glück schon auf meine Festplatte gespiegelt. Aber wegen ner Schulsache eh zu abgelenkt zum Arbeiten. Die kl Menschen kamen gut gelaunt zum Frühstück, trödelten ein bisschen rum, aber räumten dann doch den Tisch ab. Die Lernzeit klappte schon besser als gestern. Aber man muss beim kl kl Menschen noch immer sehr behutsam sein. Auf keinen Fall darf man seine Stimme auch nur minimal schärfen, wenn er sowieso schon kurz vorm verzweifeln ist. Das ist manchmal schwierig, wenn man eigentlich einen Gedanken zu Ende denken will, er aber eine Frage zu einer Aufgabe hat. Die Nerven sind dünn. Bei uns allen.

Die Mittagspause nutzen die anderen drei zur Entspannung, ich schrieb ein Arbeitszeugnis für die entlassene Haushaltshilfe.*

Anschließend kontrollierte ich noch Aufgaben, erklärte Potenzen und im Gegenzug erklärte der gr kl Mensch mir exponentielles Wachstum anhand von Reiskörnern auf einem Schachbrett.

Der Nachmittagsblock war konzentrationstechnisch besser. Ich konnte ein paar Sachen zuende denken, mich nochmal sortieren und hoffe, dass ich morgen etwas besser reinkomme ins Arbeiten. Ein großes Problem ist, dass ich mit dem kleinen Laptopbildschirm viel zu krumm am Tisch sitze. Ich muss mir angewöhnen, zwischendurch Gymnastik für die Schultern zu machen.

Die kl Menschen schafften die Nachmittagslernzeit fast komplett selbstständig. Aber da dürfen sie auch eine Folge Dragons auf Englisch schauen. Und auch die anschließende Stunde Pause schafften sie gut alleine.

Um 17 Uhr gingen wir wieder raus wie jeden Tag. Diesmal gingen wir in die andere Richtung und kamen an einem Kiosk/Biergarten vorbei und da wurde sich fröhlich so ganz lässig mit Handschlag begrüßt. Ich wäre fast ausgeflippt. Wegen dieser Vollpfosten müssen wir vielleicht bald auf unsere Spazierrunde verzichten, weil offensichtlich nur eine knallharte ausgangssperre funktioniert. Eigenverantwortlich handeln im Sinne der Gesellschaft ist zuviel verlangt.

Meine Mama weiß ähnliches von ihrer Arbeit, einem Landesbetrieb, zu berichten. Menschen, die die Lage ernst nehmen, so wie sie, werden verspottet. Homeoffice ist was für Faule. Eltern haben Pech, wenn die Kinder nun zu Hause allein gelassen werden mit dieser diffusen Bedrohungslage.

Nach dem Abendessen machten wir noch ein Experiment zur oberflächenaktiven Wirkung von Seife.

Danach versuchte ich, meinen schon wieder sehr verspannten rücken mit Yoga ein bisschen zu entlasten. Aber ich glaube, Yoga ist nicht so mein Ding. Mal schauen, wie ich meine drei Sporteinheiten/Woche (Rückenfit, klettern, Crosstrainer) jetzt ersetze. Das Spazierengehen versuchen wir durchaus schnellen Schrittes, aber klettern und Rückenfit muss ich irgendwie anders ersetzen.

Es wird kein Sprint, sondern ein Marathon. Und ich denke, wir alle müssen nachsichtig mit uns sein. Der Job wird leiden, die Kinder werden leiden, die Beziehung wird leiden. Wir werden sehr oft sehr erschöpft sein. Aber dann denke ich an meine Schwester und weiß, dass diese Erschöpfung nichts ist im Vergleich dazu, was ihr als Krankenhausärztin droht, wenn wir die Situation nicht unter Kontrolle halten. Für sie und all die anderen Ärztinnen und Pflegerinnen da draußen bin ich bereit, wochenlang diesen Spagat zu probieren. Denn sie sind diejenigen, die im Zweifel unvorstellbares tun und sehen werden.

* Wir waren schon länger unzufrieden, das hat nichts mit dem lockdown zu tun.

Tagebuchbloggen 16.03.2020

Puh. Dieser Tag war holprig.

Der Liebste und ich sind ganz normal aufgestanden, um um 8 anfangen zu können zu arbeiten. Der kl kl Mensch war bereits um viertel vor sieben wach. Normalerweise müssen wir ihn wochentags um Viertel nach 7 aus dem Bett schmeißen.

Der Arbeitsbeginn klappte um Viertel nach 8. Der kl kl Mensch war ein wenig verloren. Wir im Arbeitszimmer, der große Bruder schlief noch, das war ihm nicht ganz geheuer.

Der gr kl Mensch stand von selbst um viertel vor 9 auf, es bedurfte einiger Ermahnungen, dass sie frühstücken und den Tisch aufräumen sollten, bis das wirklich geschah. Aber gegen 10 waren sie wirklich an ihren Schreibtischen.

Beim gr kl mensch klappte es auch ganz okay mit den selbst gestellten Aufgaben. Der kl kl Mensch hatte sehr mit der neuen Situation zu kämpfen. Er wollte alles diskutieren, jeden Pups verhandeln. Und ich hing in einem townhall Meeting (bei dem ich Rückengymnastik machte, um nicht bereits an Tag 1 auf direktem Weg in die Migräne zu rennen). Der Liebste schaffte es aber, dass zwar widerwillig, aber doch ein bisschen was erledigt wurde. Ohne laut zu werden. Geschrien hat heute nur der kl kl Mensch. Ich bin wirklich stolz auf uns!

Um halb 1 gab’s dann Fleischküche und Kartoffelsalat, nochmal einen Pep Talk, dass es wichtig ist, dass wir alle das Beste aus der Situation machen und es wirklich eine ganz spezielle Situation ist, die wir auch noch nie erlebt haben und hoffentlich auch nie nochmal erleben werden.

Danach kontrollierte ich die Aufgaben. Der kl kl Mensch war nicht begeistert, dass ich ihn mit Korrekturen zurück an den Schreibtisch schickte, tobte und schrie, der gr kl Mensch nahm es gelassen hin und verbesserte.

Um 14 Uhr ging ich zurück an meinen Schreibtisch, der kl kl Mensch übte Klarinette, der gr kl Mensch studierte für die bioaufgabe Nährwerte auf Lebensmittelpackungen. Ich absolvierte eine Besprechung, währenddessen kam der Liebste von einem Gespräch mit den Lehrerinnen des gr kl Menschen zurück. Nachdem sie darüber gesprochen hatten, durften die kl Menschen eine Folge „Dragons“ auf Englisch schauen.

Um 17 Uhr schafften wir es tatsächlich nach draußen. Wir machten einen ausgedehnten Spaziergang über den Golfplatz und das könnte die neue Trendsportart werden in den nächsten Wochen. Hoffentlich haben die ganzen älteren Leute, die da Golf spielten, danach auf den Prosecco im Clubhaus verzichtet…

Nach der Rückkehr versuchte ich noch ein bisschen zu arbeiten, der gr kl Mensch schaute noch ein bisschen Herr der Ringe weiter, dann aßen die kl Menschen und der Liebste zu Abend, während ich versuchte, ein unterbestimmtes Gleichungssystem zu lösen.

Um 21 Uhr traf ich mich dann mit 700Sachen zum Telewein auf Zoom, wir quatschen und strickten noch eine Runde zusammen und nun muss ich dringend schlafen.

Fazit: der kl kl Mensch hat enorme Schwierigkeiten, mit der Situation klar zu kommen, er hat mehrfach bitterlich geweint und auch wild gewütet. Ich habe ein jour fix verpasst, weil Kinder in dem Moment wichtiger waren als die Besprechung, aber die Kollegen haben es locker genommen. Wir üben alle noch. Dem gr kl Mensch scheint es am leichtesten zu fallen. Auch mal schön.

Tagebuchbloggen 15.03.2020

Es war lange ruhig hier. Dafür gibt es Gründe, deren Erklärung zu weit führen würde.

Nun sitzen wir wie hunderte Millionen andere Menschen in Europa zu Hause und müssen uns auf ein komplett anderen Rhythmus und sehr andere Arten zu Arbeiten und zu Lernen einstellen.

Um das, was da in den nächsten Monaten auf uns zukommt, was das mit uns als Familie, aber auch mit mir persönlich als Mensch machen wird, zu dokumentieren, habe ich mir vorgenommen, wieder mehr in Tagebuchform zu bloggen.

Wir haben das große Glück, dass sowohl der Liebste als auch ich Jobs haben, die quasi keine physische Anwesenheit erfordern. Wir haben Laptops, wir haben VPN Tunnel und unsere Arbeit findet quasi nur in unseren Köpfen statt. Deshalb stellt uns die Schulschließung nicht vor ein existentielles Betreuungsproblem. Wie gut wir Lern- und Arbeitszeit parallel geregelt bekommen, werden wir sehen.

Alle vier von uns sind introvertiert und das empfinde ich als sehr großes Privileg. Es gibt keinen Sportverein, den wir streichen müssen, kein Orchester, keine regelmäßigen sozialen Aktivitäten. Ich gehe seit November regelmäßig klettern, das muss natürlich pausieren, aber das finde ich aushaltbar. Dafür kann ich dann wieder am virtuellen Nähkränzchen teilnehmen, das ich dem Klettern opfern musste.

Weil wir normalerweise unter der Woche alle in der Kantine/Mensa essen, müssen wir unsere Einkaufs- und Ernährungsgewohnheiten nun ein wenig anpassen. Jeden Tag kochen, neben homeschooling und Vollzeitjob macht mir etwas Angst. Also haben wir heute einen Mealprep-Tag gemacht. 2020-03-14 12.51.25

Diesen Plan haben wir am Freitag gemacht und dann eingekauft. Dieser Einkauf sah deutlich anders aus als unser sonst gewöhnliche Wocheneinkauf. Wir brauchen nun 5 Mittagsmahlzeiten für 4 Personen mehr als sonst. Das wird vielen Menschen so gehen. Andererseits werden Kantinen, Mensen und Schulcaterer aktuell deutlich weniger Essen ausgeben, also auch weniger Lebensmittel im Großhandel einkaufen. Natürlich hat das Auswirkung auf die Warenströme. Leere Regale im Einzelhandel wundern mich da überhaupt nicht und das hat nichts mit absurden Hamsterkäufen zu tun. Das ist eine gewaltige gesellschaftliche Umstellung, die da gerade innerhalb kürzester Zeit stattfindet. Was der Einzelhandel da gerade leistet, ist enorm!

Heute also dann vorkochen der etwas aufwändigeren Gerichte, die man aber auch gut 3 Tage im Kühlschrank aufbewahren kann: Fleischküchle, Kartoffelsalat, Hühnerfrikassee. Hühnersuppe haben wir noch welche eingefroren. Ein Glas selbstgekochte vegetarische Bolognese ist auch noch im Vorrat.

Außerdem haben wir einen Tagesplan gemacht. Wir haben nämlich echt ein bisschen Sorge, dass wir ohne Struktur zu chaotisch sind und überhaupt nichts geregelt bekommen.IMG_20200315_202404741_BURST000_COVER_TOP

Von beiden Schulen gab es noch keine Info, wie das Lernen und die Lernzielkontrollen in den nächsten Wochen aussehen soll. Also starten wir morgen erstmal mit selbstgestellten Aufgaben. Ich habe den Lernplan in der Grundschule bei den kl Menschen immer verflucht. Jetzt ist er erstmal ein ganz gutes Gerüst, an dem man sich vorläufig orientieren kann. Der gr kl Mensch scheint aber in den Hauptfächern an der weiterführenden Schule auch einen okayen überblick zu haben, was gerade dran ist und macht da erstmal weiter. Die Nebenfächer werden sicher in den nächsten Tagen dazu kommen.

Nach dem ganzen Kram waren wir dann noch eine Runde Fahrradfahren und spazieren. Es waren unglaublich viele Menschen in kleinen Grüppchen von max 4 Personen im Wald unterwegs. Es wäre wirklich Mist, wenn das verboten werden müsste, weil sich zu viele nicht an die Empfehlung, die Sozialkontakte radikal zu beschränken, halten können. Leider habe ich wenig Hoffnung, letzte Woche waren in Italien die Spielplätze wohl auch proppenvoll und Kinder wurden von ihren Großeltern betreut. Bitte, bleibt weg von Gruppen mit mehr als 4 Personen. Achtet darauf, dass ihr nicht ständig mit anderen Leuten rumhängt, die selbst auch wieder mit anderen rumhängen usw. Sonst sitzen wir in spätestens 3 Tagen bei wunderschönstem Frühlingswetter in der Wohnung und dürfen nicht raus. Noch fühlt sich das alles total surreal an. Aber das hier ist kein Hollywoodfilm mit Dustin Hofmann. Das hier ist real. Und die Folgen werden gravierend sein.

Sonntagssachen

Pfannkuchen gebacken. Einen Pullunder abgekettelt. Korrekturen in ein Exposee eingebaut. Tee getrunken. Kuchen gegessen. Ingwer geraspelt. Mich über die neue Coverlockmaschine weitergebildet. Klebchen in ein Kochbuch geklebt. Gebräu abgefüllt.

WIP: Der Seidenblazer – Teil 1

Nachdem das Tweedjacket wirklich gut sitzt und als Übergangsjacke sehr gute Dienste leistet, dachte ich so darüber nach, welches durchgeknallte Projekt ich denn als nächstes angehen könnte. Und da der Stoff von Lotte Martens für das Hochzeitsgastkleid zwar schon bestellt ist, aber noch nicht da ist, fielen mir die 3 m silbrig-graue Anzugseide ein, die ich vor 1,5 Jahren in China gekauft hatte. Daraus einen Blazer, das wäre sicher schick. Ich überlegte weiter, schaute meinen Stoffvorrat so an und merkte: Ich hatte alles da, inklusive Knöpfe, um diesen Blazer zu nähen, das Futter wird aus reiner Seide sein. Nur beim Innenleben war ich unschlüssig. Rosshaar wie beim Tweedjacket erschien mir zu krass für den feinen Seidenstoff. Ich hatte noch ausreichend Seidenorganza zum Unterlegen da, aber für die Front erschient mir das wiederum nicht steif genug. Also probierte ich, als ich wegen eines Seminars sowieso in Düsseldorf in der Nähe eines Stoffgeschäftes war, die Beratung dort mal aus. Die Frau in dem Laden schien sich auch wirklich super auszukennen, als ich reinkam, machte sie gerade für eine andere Kundin eine Brennprobe. Und auch mich beriet sie kompetent, aber wir waren uns einig, dass Klebeeinlage zu heikel wäre. Sie hatte aber nur Klebeeinlage da und wollte mir die auch nicht verkaufen. Also schickte sie mich weiter zu Stoffe Möller, die auch nicht weit weg waren und sehr edle Stoffe im Angebot haben. Unter anderem sah ich dort auch Rosshaareinlage, das habe ich noch in keinem anderen Stoffgeschäft gesehen. Aber auch hier war klar: kein Rosshaar, keine Klebeeinlage. Schlussendlich landeten wir bei einem Modestoff, den ich als Baumwollorganza bezeichnen würde. Definitiv steifer als Batist, aber auch anders vom Griff her als Seidenorganza.

Also verbrachte ich den letzten Samstag zuerst einmal damit, den Schnitt vom Tweedjacket zu ändern. Der Blazer soll 5 cm kürzer sein, ein tieferes Revers haben und nur 2 Knöpfe. Dann schnitt ich alle Schnittteile aus Seidenorganza und aus Oberstoff aus,  zusätzlich noch für das Vorderteil und die Schultern die Baumwolleinlage.

Aktuell bin ich damit beschäftigt, alle Oberstoffschnittteile mit Seidenorganza zu unterlegen. Dafür stecke ich die beiden Stofflagen in der Mitte aufeinander und hefte sie auf der Nahtzugabe aufeinander, um sie anschließend wie ein Schnittteil verwenden zu können. Irgendwo las ich, dass man jede Seite mit einem eigenen Faden heften soll und nicht um die Ecken heften soll, da sich dadurch der Stoff verziehen könnte. Geschafft bisher: die vier Schnittteile der Ärmel und der Oberkragen.

Ich versuche mal, dieses Projekt etwas detaillierter hier zu beschreiben, wenn ich es in kleinen Häppchen dokumentieren, fällt mir das eventuell leichter als alles am Stück. Also bleibt dran!

Lundi Lopapeysa – Papageitaucher Pullunder

The instructions for the Léttlopi Vest with puffins is here: InstructionsPuffin

Schon im letzten Post sang ich ein Loblied auf Wolle als Faser für Funktionskleidung. Der Liebste war ja vor unserem Islandtrip etwas skeptisch ob der von mir vorhergesagten tollen Eigenschaften der isländischen Wolle (das Vlies der isländischen Schafe besteht aus zwei Schichten: einer äußeren wasserabweisenden Schicht aus langen groben Haaren und einer inneren winddichten Schicht aus weichen kurzen Haaren. Diese beiden Fasern werden gemeinsam versponnen).iceland_preview_animals-180811-085 Er war dann aber ziemlich schnell umgestimmt, als der kleine kleine Mensch und ich quasi ständig in unseren Lopapeysur rumliefen und somit Wind und Nieselregen trotzten.

In Vík og Myrdal im Fabrikverkauf von Icewear sah ich dann einen Lopapeysa mit Papageitauchern auf der Passe. iceland_preview_story-180809-103Just an dem Tag, an dem er hochgradig frustriert war, weil er keine anständigen Fotos von Papageitauchern machen konnte.iceland_preview_animals-180808-076 Da hatte ich zwar eigentlich schon meinen Wolleinkauf bei Ístex in Mosfellsbær getätigt, aber Létt-Lopi bekommt man in Island in jedem Supermarkt und sogar in Ásbygri an der Tanke. Und wie meine nicht repräsentative Recherche ergab, ist sie in Ásbyrgi an der Tanke sogar am günstigsten, dicht gefolgt vom Netto. Mit Abstand am teuersten war die Wolle in Reykjavik auf dem Laugavegur in den unzähligen Souveniergeschäften, der Fabrikverkauf in Mosfellsbær war aber auch eher teuer. So kann man sich täuschen. Also begab ich mich in Höfn auf geheime Mission und kaufte nochmal eine ganze Tüte voller Wolle ein.iceland_preview_story-180801-080

Zurück in Deutschland machte ich mich auf die Suche nach einem Strickmuster für die Papageitaucher. Und fand: nichts. Lediglich den fertig gestrickte Pullover bei etsy. Ich hatte aber geistesgegenwärtig ein Foto von dem Pullover in Vík gemacht, so dass ich mich also daran machte, mir das Strickmuster mit Hilfe eines traditionellen Musters und anhand des Fotos selbst zusammen zu knobeln.lundiLopeysa-190421-004

Dann fing ich an zu stricken. Da der Liebste ziemlich groß ist, hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt nie in Betracht gezogen, einen Pullover für ihn zu stricken. Und nun hatte ich also diesen irren Plan. Denn wie sich beim Muster ausknobeln herausstellte, waren die Papageitaucher nicht mit der klassischen 2-farbigen Fair Isle Methode zu stricken, sondern man muss mit 3 Fäden hantieren und am Kopf sogar mit 4 Fäden. Aber wozu gibt es YouTube…

Der untere einfarbige Teil zog sich und zog sich und zwischenzeitlich strickte ich auch gar nicht. Langsam wurde der Korpus länger und länger. Da der Liebste gerne einen warmen Po hat, musste der Korpus aber Bitte Danke 10 cm länger sein als die Strickanleitungen das so für einen XL Pullover vorsahen. Aber immerhin mag der Liebste es wiederum nicht, wenn er an den Armen schwitzt, weshalb er lieber einen Pullunder als einen Pullover haben wollte. Also nochmal geknobelt, diesmal um aus dem Pullover einen Pullunder zu machen.lundiLopeysa-190421-011

Ende März war ich dann endlich an der Passe angekommen und der lustige Teil konnte losgehen. Und weil ich nur Papageitaucher irgendwie auch langweilig fand, spendierte ich ihnen noch Lavafelsen, Blümchen und einen Wolkenhimmel. Es ist erstaunlich, wie viel schneller ich anspruchsvolle abwechslungsreiche Muster stricke im Vergleich zu einfarbig glatt rechts. Und so wurde vorgestern der Pullunder fertig. Und der Liebste musste bei 25 °C Modell stehen für Fotos. lundiLopeysa-190421-012

Ich bin nicht 100% zufrieden mit dem Ergebnis, da die Papageitaucher mit den 3 bzw. 4 Fäden spürbar unelastischer sind als der Rest. Ich habe die Spannfäden zwar alle 3 Maschen eingewebt, aber irgendwie ist das ganze Konstrukt trotzdem etwas zu fest geworden. Vielleicht wäre es doch besser gewesen, ich hätte die 4-farbigen Runden jeweils mit 2 Farben gestrickt, die Maschen, die in den anderen 2 Farben gestrickt werden nur abgehoben und in einer zweiten Runde dann das ganze Spiel nochmal mit den anderen beiden Farben gemacht. Es ist durch waschen und spannen etwas besser geworden, aber noch immer nicht perfekt. Trotzdem bin ich sehr stolz auf mich, dass ich es überhaupt geschafft habe. lundiLopeysa-190421-001

Achja, und am Ende fuhren wir dann noch nach Bakkagerði und es gab noch ordentliche Fotos von Papageitauchern. Puh, der Liebste hatte nämlich schon damit gedroht, ohne anständige Papageitaucherfotos nicht auf die Fähre fahren zu wollen…iceland_preview_animals-180814-101

(Dies ist das erste Mal, dass ich ein Strickmuster selbst entworfen habe und natürlich habe ich es auch bei Ravelry hochgeladen.)

Schottland-Island Fusion

Als das Buch „Inspired by Islay“ von Kate Davies erschien, verliebte ich mich sofort in den Port Charlotte Sweater. Allerdings wollte ich gerne einen Pullover aus Islandwolle für unsere Islandreise haben. Die Léttlopi ist jedoch dicker als die von Kate Davies vorgeschlagene Buachaille Wolle. Die Maschenprobe mit 3,25er Nadeln ergab, dass ich einfach Größe 1 stricken musste, um mit der dickeren Wolle auf meine Maße für den Oberbrustumfang zu kommen. Ich weiß ja mittlerweile, dass ich mich bei der Größenauswahl an meinem Oberbrustmaß orientieren muss, ansonsten werden die Schultern zu breit. Der Sweater wird von unten nach oben in der Runde gestrickt, die Ärmel werden an der Passe mit dem Korpus verbunden, die mit Raglanabnahmen geformt wird. Island_Pullover-180725-017Um die Mehrweite des Brustumfangs einzuarbeiten, habe ich intensiv „Little red in the city“ von Ysolda Teague studiert und dann sowohl verkürzte Reihen auf Brusthöhe eingefügt, um die benötigte Länge hinzuzufügen als auch zuerst bei 5 Reihen im Vorderteil an 2 Stellen je 2 Maschen zugenommen, dann 10 Reihen mit dem 20 zusätzlichen Maschen gestrickt, um diese 20 Maschen dann wieder abzunehmen. Beim Nähen formt man den Stoff ja dadurch, dass man durch Abnäher Stoff an bestimmten Stellen wegnimmt. Beim Stricken entstehen diese „Abnäher“ dadurch, dass man an manchen Stellen gezielt Stoff hinzufügt. Ich finde das sehr spannend.Island_Pullover-180802-024

Dadurch, dass ich mit Nadelstärke 3,25 gestrickt habe (empfohlen für Léttlopi ist 4-5), ist der Pulli sehr dicht. Was ihn zu einem sehr guten Soft Shell macht und sich perfekt die Eigenschaften der Islandwolle zunutze macht. Mein Softshell aus Polyester hat nach ungefähr 1 Woche Island sehr streng gemüffelt. Mein Port Charlotte Sweater hingegen war auch nach 4 Wochen noch gesellschaftsfähig. Da rochen andere Menschen auf der Fähre deutlich unangenehmer. Island_Pullover-180804-026Sowieso möchte ich hier ein Loblied auf Wolle als Funktionsmaterial singen. Ich hatte Unterhemden und Shirts aus Merinowolle, meinen Port Charlotte Sweater und einen traditionellen Pullunder aus Léttlopi dabei und hatte diese Sachen in verschiedenen Kombinationen, je nach Temperatur quasi täglich an. Bei meinen vorherigen Trekkingurlauben hatte ich immer Funktionskleidung aus Polyester dabei und die fängt einfach nach 1 Tag an zu müffeln. Ich bin da zwar nicht sonderlich empfindlich, aber wenn man das vermeiden kann, ist das natürlich toll. Und Mikroplastik im Meer durch Faserabrieb in der Waschmaschine vermeidet man noch dazu!Island_Pullover-180810-029