Tagebuchbloggen 30.03.2020 spezial: China ist näher, als wir uns eingestehen

Gestern sah ich ein Video, wo ein Brite, der derzeit in Shanghai ist, erzählt, wie das so ist in China mit der Massenüberwachung und den Maßnahmen zur Eindämmung der Covid-19 Epidemie.

Diese ganzen Überwachungsinstrumente wie Kameras, die über künstliche Intelligenz Bewegungsmuster aufzeichnen, Bezahlungen und Unterhaltungen in WeChat mitloggen, etc. gibt es in China schon seit einiger Zeit. Machen wir uns nichts vor: es ist ein totalitäres Regime. Die machen das nicht, um ihre Bevölkerung vor einem Virus zu schützen, sondern um ihren totalitären Staat aufrecht zu erhalten. Für all diese Maßnahmen brauche sie den Virus auch nicht als Vorwand, denn sie machen das ja eh schon.

Und dennoch gibt es in China trotz dieser extrem engmaschigen Überwachung sehr viele zusätzliche Maßnahmen zur Eindämmung von Covid-19. Nicht nur in Wuhan ist das öffentliche Leben extrem eingeschränkt. Und damit auch die chinesische Wirtschaft. Das chinesische Wirtschaftswachstum war in den letzten 10 Jahren nicht mehr ganz so steil wie zwischen 2000 und 2010. Der einzige Grund, warum China diese radikalen Maßnahmen ergreift, um SARS-CoV2 einzudämmen, der mir einfällt, ist, dass sie erkannt haben, wie gefährlich dieses Virus ist. Denn was die Wachstumszahlen Chinas sehr gut zeigen: Wir reden hier schon lange nicht mehr von einem kommunistischen Land. China ist durch und durch staatskapitalistisch. Wenn sie also nun so massiv in ihre Wirtschaft eingreifen, dann, weil sie wissen, dass es nötig ist, um ihre Wirtschaft durch Millionen Tote und Kranke nicht noch viel mehr zu gefährden, als sie es durch eine gewisse globale wirtschaftliche Abkühlung sowieso schon war.

Es war schon im Januar klar, dass die Maßnahmen, die da gerade in Wuhan und eigentlich in ganz Festlandchina ergriffen wurden, so in Europa oder den USA niemals funktionieren würden. Umso besorgter hätte man eigentlich sein müssen, denn dass das Virus diesmal, anders als SARS-CoV-1, nicht in Asien bleiben wird, sollte jeder klar sein, die sich ein wenig mit globalen wirtschaftlichen Verflechtungen beschäftigt. Zwischen 2010 und 2018 hat China knapp 150 Milliarden Euro in europäische Firmen investiert. Das führt zwangsläufig dazu, dass es viel mehr persönlichen Austausch zwischen Europa und China gibt.

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Prato, eine Stadt in der Toskana, einst Hauptstadt der italienischen Textilindustrie, hat in den letzten 20 Jahren die höchste Konzentration an chinesischen Firmen in Europa angezogen. Es leben rund 50 000 Chinesinnen in der 200 000 Einwohner großen Stadt. Dass es da einen nicht unerheblichen Personenverkehr zwischen China und Italien geben muss, sollte jeder klar sein. Und das ist nur das extremste Beispiel in Europa. Auch die wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen Hubei und der Lombardei sind eng. Es war also absolut offensichtlich, dass man diesmal nicht darauf hoffen konnte, dass es ähnlich wie bei SARS-CoV-1 bei einem weitgehend lokalen Ausbruch bleiben würde. Und weil auch klar war, dass es in Europa weder ein perfekt ausgebautes Überwachungsnetz gibt, noch dass drakonische Ausgangsbeschränkungen mit der gegenwärtigen Form europäischen Gesellschaften einfach vereinbar sein würden, ist es aus meiner Sicht absolut unfassbar, dass nicht schon im Januar europaweit mit für alle spürbaren Vorbereitungen auf den Pandemiefall begonnen wurde. Es hätte schon im Februar unmissverständlich klar sein müssen, dass Händewaschen keine ausreichende Maßnahme darstellt und Massenveranstaltungen wie Fußballspiele ein nicht notwendiges Vergnügen sind.

Aber die Europäerinnen scheinen noch immer zu denken, dass China weit weg ist, eigentlich noch immer ein unterentwickeltes Schwellenland, wo Menschen halt sterben, weil die medizinische Versorgung schlecht ist. Chinesen zu arm sind, um nach Europa zu reisen. Und Schutz vor Infektionskrankheiten ist was für Weicheier, Asiatinnen sind einfach die totalen Hygienefetischistinnen. Als ich im Februar anfing, meine Kolleginnen darauf aufmerksam zu machen, dass wir uns auf eine Pandemie vorbereiten müssen, wurden meine Mahnungen als vollkommen übertriebene Panikmache abgetan. Obwohl da die Kolleginnen in Shanghai längst im Homeoffice ihre Kinder beschulten. Wir machten sogar noch Fotos mit Durchhalteparolen für die Shanghaier Kolleginnen. Aber dass das irgendwas mit uns zu tun haben könnte, auf die Idee kamen die wenigsten. Ich gebe zu, die Forderung mancher Eltern in der Grundschule, die Anfang Februar fanden, die Kinder, die über Silvester in Hongkong waren, sollten für 2 Wochen vom Unterricht ausgeschlossen werden, fand ich dann auch etwas übertrieben. Aber hauptsächlich, weil die Kinder da bereits seit 3 Wochen zurück waren und mir eine Isolierung nach so langer Zeit dann doch nicht sinnvoll erschien.

Und noch immer habe ich den Eindruck, dass viele Menschen sich weigern, nach China zu schauen. Wenn ich sage, dass ich nicht davon ausgehe, dass die kl Menschen am 20. April wieder in die Schule gehen und wir ins Büro, dann sind viele vollkommen irritiert. In China haben die ersten Provinzen die Schulen wieder aufgemacht, nachdem sie 4 Wochen keine nachgewiesenen Neuinfektionen hatten. Und dann auch nur die Oberschüler und unter strengen Auflagen. Extra Schulbusse, die jedes Kind zu Hause abholen, optimierten Wegen in der Schule, um die Begegnungen zu minimieren, Fieberkontrollen 3 mal am Tag, usw. Warum wissen das hier so wenige Menschen? Warum wird das alles vollkommen ignoriert? Weil in Europa noch immer eine unfassbare Arroganz vorherrscht. Hier herrscht noch immer die Vorstellung, Asiatinnen stecken sich mit diesen Krankheiten an, weil sie in unterentwickelten Zuständen leben. Und sterben in so großer Zahl, weil sie keine ausreichende medizinische Hightechversorgung haben. Das ist einfach bullshit. China ist ein Industrieland mit extrem großen staatskapitalistischen Ambitionen. China ist längst viel näher als uns bis vor 2 Monaten bewusst war.

Tagebuchbloggen 29.03.2020

Heute war ein doofer Tag. Aber was will man schon vor einem Tag erwarten, an dem einem 1h geklaut wird?

Es fing schon damit an, dass die kl Menschen den Frühstückstisch nicht deckten. Und weil ich es satt habe, dass ich alles immer 5x sagen muss, bis sie ihren Beitrag zu dieser kleinen Schicksalsgemeinschaft, die wir nun Mal aktuell bilden, beitragen, habe ich den Tisch nur für den Liebsten und mich gedeckt. Ich denke, die Botschaft ist angekommen.

Sonntag ist ja jetzt immer Essen vorkochen angesagt und das ist einfach für 4 Personen, die auch noch sehr eingeschränkte Essgewohnheiten, natürlich 4 sehr unterschiedlich eingeschränkte, haben, keine Sache von 1h. Aber ich belohnte mich damit, dass ich außerdem frische zimtschnecken buk.

Speaking of unterschiedliche Essgewohnheiten. Hälfte mit Pflaumenmus, Hälfte mit Zimt und Zucker.

Dann fing ich einen längeren Blogbeitrag an, zu dem ich aber ein paar Sachen, die ich weiß, aber nochmal sauber belegen möchte, recherchieren muss. Stay tuned. Irgendwann kippte die Stimmung ziemlich und wir erwachsenen sagten ein paar nicht so nette Dinge. Das war der Punkt, wo ich beschloss, dass wir wohl trotz beißend kaltem Wind eine runde spazieren marschieren sollten.

Mir fehlen Auszeiten. Kein Tag, an dem ich einfach Mal entspannt in den Tag hineinleben kann. Immer gibt es noch was zu tun. Putzen, vorkochen, Schulunterlagen ausdrucken, sortieren, etc. Und das nachdenken, informieren, dazulernen über diesen scheiß Virus ist auch extrem anstrengend. Ich kann aber auch nicht anders. Ich lerne gerade so unfassbar viel über Virologie, Makroökonomie, Massenüberwachung,…

Ein bittersüßer Abschluss des eher doofen Tages war ein Plausch mit Familie Rabe. Die auch viel Mist zu verarbeiten haben. Wir hatten uns 2020 echt anders vorgestellt, ey!

Tagebuchbloggen 28.03.2020

Wenn man eh nichts anderes machen kann, dann kann man Samstags, so wie es früher bei uns zu Hause auch üblich war, zum Putztag erklären. Wir haben normalerweise eine Haushaltshilfe, aber die ist jetzt erstmal freigestellt, um unnötige Kontakte zu vermeiden. Also haben wir heute die Wohnung geputzt. Der kl kl Mensch hat arge Probleme damit, Dinge tun zu müssen, auf die er keine Lust hat. Auch wenn ihm einleuchtet, dass es sein muss, keiner von uns das gerne macht und es in einer Gemeinschaft nötig ist, dass alle was beitragen, tut er sich mit seinen 7 Jahre noch schwer damit, dass in der konkreten Situation auch umzusetzen. Also hat er heute mal wieder viel weinen müssen, weil wir so unfassbar schlimme Dinge wie staubsaugen, Zimmer aufräumen und Müll runter bringen von ihm verlangt haben. Während wir noch viel schlimmer Dinge wie Küche auf Vordermann bringen, Böden wischen und Klo putzen tun mussten. Der Liebste hat außerdem noch die Hecke geschnitten und sieht jetzt aus, als hätte er eine Katze zum Tierarzt bringen müssen.

Aber schlau wie wir waren hatten wir uns für 16 Uhr mit Freunden zum Telekaffeetrinken verabredet, so dass wir die Belohnung direkt eingebaut hatten. Die Freunde sind vor einem halben Jahr umgezogen und bisher hatten wir das neue Haus noch nicht gesehen. Also bekamen wir erstmal eine Hausführung. Danach haben wir dann noch Fotos von ihrem Chileurlaub angeschaut. Sie sind letzte Woche von einer 4-wöchigen Reise zurückgekommen und weil sie ja dann zu Hause direkt in den Lockdown gegangen sind, waren wir die ersten, die die Fotos gezeigt bekamen. Internet ist wirklich was tolles!

Überhaupt haben wir neuerdings viel mehr Sozialkontakte, weil wir uns fast jeden Abend mit anderen Freunden zum telekonferieren treffen. Wenn man jahrelang so ein Nomadenleben wie wir geführt hat und sich außerdem mit Menschen aus dem Internet anfreundet, dann sind die Freunde halt auch echt weit verstreut. Warum haben wir das mit der Videotelefonie nicht schon viel früher gemacht?

Nach dem Abendessen haben wir uns dann noch mit anderen Freunden getroffen, während die kl Menschen Star Wars Episode 2 geschaut haben.

Ich habe immer mehr Bedenken, im Juli unseren geplanten Urlaub in Tirol zu machen. Nach allem, was man über die Versäumnisse aus Ischgl so hört, frage ich mich, ob ich offiziellen Angaben darüber, ob Tirol die Infektionen im Griff hat, trauen würde. Noch ist Zeit, bisher haben wir nur eine Anzahlung geleistet, aber selbst wenn wir durch flächendeckende Antikörpertests, die hoffentlich bald im großen Maßstab verfügbar sein werden, sehr viel besser wissen, wie die Infektionslage ist, haben die offiziellen Stellen in Tirol massiv mein Vertrauen in ihre Glaubwürdigkeit verspielt. Und nachdem jetzt ja schon die Skitouristen ausbleiben, ist man über das Sommerferiengeschäft vermutlich froh und handelt dann womöglich wieder genauso fahrlässig wie Anfang März.

Das argument, dass man für die Wirtschaft jetzt ganz schnell wieder zu lockereren Maßnahmen übergehen müsse, treibt mich noch immer sehr um. Alleine heute sind über 70 Menschen in Deutschland an Covid-19 gestorben. Wir folgen noch immer ziemlich genau der Trajektorie von Italien. Nichts deutet darauf hin, dass die Maßnahmen, die wir bisher erdulden müssen, wirksam genug sind um ein Drama wie in Italien oder in Spanien abzuwenden.

Tagebuchbloggen 26.03.2020

Heute morgen 2 h in einer Besprechung rumgehangen. Danach noch 1,5 h Sachen weggearbeitet. Der Liebste hat währenddessen versucht, die Kinder in die Gänge zu bringen. Die schlafen mittlerweile auch immer länger…

Nach der Mittagspause weiter gut voran gekommen, um 15 Uhr ein Gespräch mit meiner Chefin gehabt, das mich zuversichtlich stimmt, dass die etwas unbefriedigende Jobsituation sich auch bald klären wird.

Und dann habe ich was total verrücktes gemacht: Ich war joggen. Seit 12 Jahren war ich nicht mehr joggen! Diese Krise macht komische Dinge mit mir!

Ich hab noch immer Kopfweh. Es ist nicht mehr so schlimm wie letzte Woche, aber ich muss wirklich aufpassen, dass meine Schultern nicht wieder total verkrampfen.

Abends mit Nahtzugabe und 700Sachen virtuell zusammengesessen und geplauscht. Das war schön.

Nach wie vor sorge ich mich. Dass neoliberale Strömungen demnächst bewirken, dass das öffentliche Leben wieder aufgenommen wird, weil die Wirtschaft! Ungeachtet, ob wir das Infektionsgeschehen dann wieder unter Kontrolle haben und potentiell in den nächsten unkontrollierten Ausbruch rennen. Hauptsache, man tut was. Dabei zeigen Untersuchungen, dass Gegenden, die 1918 die H1N1 Pandemie nicht vernünftig im Griff hatten, deutlich schlimmere langfristige wirtschaftliche Schäden zu verzeichnen hatten als Gegenden, wo man konsequent das öffentliche Leben einstellte. Hier überlegt man jetzt, dass man nur noch die vulnerablem Gruppen schützt. Als würden die nicht-vulnerablen nicht genauso zu 5% auf der Intensivstation landen. Sie sterben mit bestmöglicher intensivmedizinischer Versorgung nicht so leicht, aber wenn es keine freien Beatmungsplätze mehr gibt, dann werden auch junge, gesunde Leute sterben, machen wir uns doch nichts vor! Und den älteren Menschen und den Menschen mit Vorerkrankungen oder nicht-intaktem Immunsystem jetzt zuzurufen „Wir halten es nicht mehr aus, bleibt ihr mal weiter schön zu Hause, wir machen hier ne große Covid19 Party“ ist auch krass unsolidarisch. Wenn der Antikörpertest in ausreichendem Maße vorhanden ist, und eine Testinfrastruktur dafür aufgebaut ist, kann man vielleicht mal drüber nachdenken, wie man das öffentliche Leben langsam wieder hochfährt. Denn dann haben wir eine reelle Chance, das Infektionsgeschehen in Echtzeit einschätzen und eingrenzen zu können. Aktuell haben wir mit der PCR Analyse nur die Möglichkeit, eine Idee davon zu bekommen, was vor 10-14 Tagen passierte. Und wirklich sicher wissen wir anhand der Todeszellen, was vor 3 Wochen passierte. Bei einem exponentiellen Wachstum, wo sich die Ansteckungen alle 3 Tage verdoppeln, wissen wir aktuell, dass wir in 2 Wochen insgesamt 5000 Tote haben werden und täglich mehrere hundert Menschen jeden Tag sterben werden und zwischen 50.000 und 100.000 Menschen auf der Intensivstation liegen werden. Das sind unvorstellbare Zahlen.

Tagebuchbloggen 25.03.2020

Der erste Tag seit 10 Tagen, wo ich das Gefühl habe „nix zu erzählen“. Es stellt sich eine Art Routine ein. Man trifft Nachbarn auf der Straße, hält Abstand, unterhält sich kurz, man fühlt sich mit ihnen verbundener als sonst.

Ich muss langsam anfangen, einen Kalender für unsere distant socializing Events anzulegen. Wir sind quasi jeden Abend mit irgendwem verabredet. Allerdings für mich erstmal ohne Wein. Ich hab den schwäbischen Weißwein, den der Liebste vor 3 Wochen von seinem Heimatbesuch mitgebracht hat, in Verdacht, komische Dinge in meinem Körper anzustellen. Seltsame gärvorgänge, die neben Bauchweh auch Schwindel und Kopfweh auslösen.

Die Klassenlehrerin des kl kl Menschen schreibt sehr persönliche Mails an ihre Schülerinnen. Und der kl kl Mensch beantwortet sie gewohnt knapp. Aber durchaus freundlich. Ein Romancier wird aus ihm aber wohl eher nicht. Gestern sollte er als Aufsatzübung eine Mindmap zu einem Bild machen. Darauf war ein Mensch und ein Außerirdischer zu sehen. Eine unlösbare Aufgabe für ihn, denn es gibt keine Außerirdischen. Case closed.

Tagebuchbloggen 24.03.2020

Ich hatte heute Urlaub. Der sich aber überhaupt nicht danach anfühlte. Ich war Aushilfslehrerin, habe Brot gebacken, Mittagessen gemacht, die Küche in akzeptablem Zustand gehalten und sehr lange an einer heiklen Mail formuliert. Geplant war das anders. Als ich den Urlaub einreichte wähnte ich die Kinder in der Schule und den Liebsten bei der Arbeit.

Aber ich stelle fest: nach so einem Tag ohne Jobverpflichtungen ist man als homeschoolende stay at home mum noch ganz fit am Abend. Kommt Erwerbsarbeit im homeoffice dazu, ist man abends platt wie ne Flunder. Hinzu kommt die permanente Sorge um so vieles. Das zehrt. Jede, die jetzt 50% ihres üblichen pensums im Job schafft, ist Superwoman!

Es ist krass, an welchen Stellen diese Krise überall offenbart, dass dieses System, dass 2019 noch von so vielen als alternativlos gesehen wurde, defizitär ist. Systemrelevante Jobs, die offenbaren, dass die gender pay gap ein riesiges Problem für unsere Gesellschaft ist. Die Kassiererin, die jetzt systemrelevant ist, aber leider nicht genug verdient, um die Familie zu ernähren. Der Mann kann aber leider nicht zu Hause die Kinder hüten, weil er die Kohle ranschafft, die die Miete zahlt. Ebenso die Krankenpflegerin, die Raumpflegerin im Altenheim, die Erzieherin, die die notbetreuung für die Kinder der Kassiererin, Krankenpflegerin und Raumpflegerin machen muss.

Ein Schulsystem, dass lächerlich hinterher hinkt bei der Digitalisierung. Während wir im Homeoffice alle eloquent videokonferieren, schicken Lehrerinnen schlecht 40 eingescannte Arbeitsblätter als jpg rum.

Ein Wirtschaftssystem, das immer mehr der neoliberalen Maxime „das regelt der Markt“ folgt. Es gibt keine ausreichende Reserve an Schutzkleidung in Krankenhäusern. Obwohl spätestens nach SARS klar war, dass eine globale Pandemie nur eine Frage der Zeit ist. Weil Krankenhäuser privatisiert sind und gewinnorientiert arbeiten müssen. Weil der Staat versäumt hat nach Ende des kalten Krieges die Gefahren durch etwas anderes als „die Soviets“ real abzusichern. Das Narkosemittel Propofol kostet aktuell das 20-fache wie sonst. Weil zigtausend intubierte covid-19 Patientinnen weltweit damit ruhiggestellt werden. Und der Markt es dann eben regelt, dass der Preis für dieses Mittel in absurde Höhen schnellt.

Ich wünsche mir, dass wir am Ende dieser Krise vieles ändern werden. Dass wir in Anbetracht der riesigen Herausforderungen des Klimawandels unsere aktuelle Art des Wirtschaftens radikal überdenken. Dieses Virus zeigt uns gerade, wie fragil dieses System ist. Und diese Krise ist banal im Vergleich dazu, was der Klimawandel für die Menschheit bedeutet. Ich hoffe, wir lernen ein bisschen was daraus.

Tagebuchbloggen 23.03.2020

Heute morgen war ich gar nicht guter Stimmung. Es ist eine seltsame Mischung aus Sorge um Menschen wie meine Schwester, die im Krankenhaus arbeitet, Sorge um Menschen, die freiberuflich arbeiten und gerade keine Einnahmen haben, Sorge darum, dass notwendige gesetzliche Schnellschüsse nicht genauso schnell korrigiert werden, wenn sich Konstruktionsfehler zeigen, Sorge darum, dass das Friedenprojekt europäische Union an diesem Virus zerbrechen wird, abstrakte Sorge um all die Menschen, die wir in ihrem Leid gerade aus den Augen verlieren. Ich weiß, dass es auch viel Anlass zur Zuversicht gibt. Verglichen mit unseren Nachbarländern wird hier sehr genau geprüft, wie drastisch die Grundrechte per Verordnung eingeschränkt werden müssen und noch immer an die freiwillige Einsicht der Bürgerinnen appelliert. Sowohl die EU als auch die Bundesregierung kippen quasi unbegrenzt Geld aus, um die schlimmsten wirtschaftlichen Sorgen akut zu mildern. Wir gehen noch immer jeden Abend gemeinsam spazieren und haben bisher noch nicht gestritten. Trotzdem quält mich sowas wie Zukunftsangst. Gar nicht so sehr direkt persönlich. Mehr so im allgemeinen.

Der kl kl Mensch hatte heute Klarinettenunterricht per WhatsApp. Das war schön. Es geht weiter, jede gibt ihr bestes, um den Job zu machen.

Es irritiert mich, wie viele Menschen irritiert sind, wenn ich sage, dass ich bestenfalls im Mai die Kinder wieder in der Schule sehe. Ich stelle mich auf nach den Sommerferien ein. Ist der Blick nach China so gefärbt, dass diese Transferleistung unmöglich ist? Denken die Menschen im Ernst, mit weniger autoritären Maßnahmen könne man diesem Virus schneller beikommen? Ich fühle mich seit vier Wochen seltsam zwiegespalten. Mir scheint, ich rede mit zwei komplett disjunkten Gruppen. Die, die ähnlich wie ich seit Wochen besorgt nach China, Süd Korea, Japan schauen, Fallzahlen beobachten, mahnen. Und die, die offenbar ein unerschütterliches Vertrauen in die Überlegenheit des Westens zu haben scheinen und die Augen davor verschließen, dass China kein Schwellenland mehr ist und dass es so einem Virus im Zweifel egal ist, welche Staatsform es heimsucht.

Die zweite Folge „Pandemie“ war ähnlich surreal wie die erste. Man fühlt sich fast wie eine Zeitreisende.

Morgen habe ich Urlaub. Resturlaub aus dem letzten Jahr. Ich werde mich morgen also intensiv um die Schulaufgaben der kl Menschen kümmern können, ohne schlechtes Gewissen, meinen Job zu vernachlässigen. Und in Ruhe kochen. Und aufräumen. Als ich diesen Urlaubstag eintrug, stellte ich mir einen gemütlichen Tag alleine zu Hause vor. Gemütlich frühstücken, Fernsehen, Handarbeiten. Verrückte Zeiten.