Tagebuchbloggen 24.03.2020

Ich hatte heute Urlaub. Der sich aber überhaupt nicht danach anfühlte. Ich war Aushilfslehrerin, habe Brot gebacken, Mittagessen gemacht, die Küche in akzeptablem Zustand gehalten und sehr lange an einer heiklen Mail formuliert. Geplant war das anders. Als ich den Urlaub einreichte wähnte ich die Kinder in der Schule und den Liebsten bei der Arbeit.

Aber ich stelle fest: nach so einem Tag ohne Jobverpflichtungen ist man als homeschoolende stay at home mum noch ganz fit am Abend. Kommt Erwerbsarbeit im homeoffice dazu, ist man abends platt wie ne Flunder. Hinzu kommt die permanente Sorge um so vieles. Das zehrt. Jede, die jetzt 50% ihres üblichen pensums im Job schafft, ist Superwoman!

Es ist krass, an welchen Stellen diese Krise überall offenbart, dass dieses System, dass 2019 noch von so vielen als alternativlos gesehen wurde, defizitär ist. Systemrelevante Jobs, die offenbaren, dass die gender pay gap ein riesiges Problem für unsere Gesellschaft ist. Die Kassiererin, die jetzt systemrelevant ist, aber leider nicht genug verdient, um die Familie zu ernähren. Der Mann kann aber leider nicht zu Hause die Kinder hüten, weil er die Kohle ranschafft, die die Miete zahlt. Ebenso die Krankenpflegerin, die Raumpflegerin im Altenheim, die Erzieherin, die die notbetreuung für die Kinder der Kassiererin, Krankenpflegerin und Raumpflegerin machen muss.

Ein Schulsystem, dass lächerlich hinterher hinkt bei der Digitalisierung. Während wir im Homeoffice alle eloquent videokonferieren, schicken Lehrerinnen schlecht 40 eingescannte Arbeitsblätter als jpg rum.

Ein Wirtschaftssystem, das immer mehr der neoliberalen Maxime „das regelt der Markt“ folgt. Es gibt keine ausreichende Reserve an Schutzkleidung in Krankenhäusern. Obwohl spätestens nach SARS klar war, dass eine globale Pandemie nur eine Frage der Zeit ist. Weil Krankenhäuser privatisiert sind und gewinnorientiert arbeiten müssen. Weil der Staat versäumt hat nach Ende des kalten Krieges die Gefahren durch etwas anderes als „die Soviets“ real abzusichern. Das Narkosemittel Propofol kostet aktuell das 20-fache wie sonst. Weil zigtausend intubierte covid-19 Patientinnen weltweit damit ruhiggestellt werden. Und der Markt es dann eben regelt, dass der Preis für dieses Mittel in absurde Höhen schnellt.

Ich wünsche mir, dass wir am Ende dieser Krise vieles ändern werden. Dass wir in Anbetracht der riesigen Herausforderungen des Klimawandels unsere aktuelle Art des Wirtschaftens radikal überdenken. Dieses Virus zeigt uns gerade, wie fragil dieses System ist. Und diese Krise ist banal im Vergleich dazu, was der Klimawandel für die Menschheit bedeutet. Ich hoffe, wir lernen ein bisschen was daraus.

5 Gedanken zu „Tagebuchbloggen 24.03.2020

  1. ERholsam ist diese Zeit definiv nicht. Ich habe mich noch nie so auf einen Optikertermin gefreut wie heute:)))) Ich habe ganz allein einen Termin:)

  2. Auch wenn ich sicherlich keine der Lehrerinnen bin, die 40 schlecht gescannte Arbeitsblätter verschickt, und mir auch klar ist, dass es sowas leider gibt, würde ich mir bei allem Verständnis für die Situation der Eltern schon auch etwas mehr Verständnis für unsere Seite wünschen. Vielleicht habe ich es überlesen, aber ich kann mich nicht erinnern, dass du auch nur ein einziges positives Wort für die Bemühungen der Lehrkräfte gefunden hast. Natürlich läuft nicht alles rund, aber eine Lehrkraft am Gymnasium kann bis zu 9 oder 10 Klassen mit jeweils ca. 30 Schülerinnen und Schülern unterrichten. Hast du eine Vorstellung davon, wie arbeitsaufwändig meine Unterrichtsvorbereitung momentan ist, wie viele Nachfragen ich per E-Mail täglich abarbeite und wie viele Korrekturen ich täglich wegstemme? Letzteres müsste ich natürlich nicht zwangsläufig anbieten, aber ich will den Schülerinnen und Schülern das Gefühl geben, dass die Aufgaben keine reine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme sind, sondern wir die Situation konstruktiv nutzen. Und vor allem bemühe ich mich damit die Ungleichheit unter den Schülerinnen und Schülern etwas auszugleichen, weil nicht alle zuhause jemanden haben, der ihnen Feedback geben kann. (Entgegen der Annahme, die du vor einigen Tagen geäußert hast, ist mir das nämlich schmerzlich bewusst.) Da ich keine Fächer unterrichte, in denen die Lösungen standardisierbar sind, ist das viel, sehr viel Arbeit. Ich würde mir etwas Wertschätzung für die Lehrkräfte wünschen, die zum einen intellektuell nicht ganz so einfältig sind, wie du es offenbar annimmst, und die zum anderen in dieser Situation ihr Möglichstes tun, um die Kinder dennoch zu fördern. Ich bin da sicherlich nicht die einzige.
    P.S.: In letzter Zeit frage ich mich manchmal, ob es manchen Eltern lieber wäre, wir würden trotz aller Nachteile für die Schülerinnen und Schüler einfach Ferien machen. Aber vermutlich wäre das dann auch wieder nicht recht… Ich möchte das schon deshalb nicht, weil dies Studien zufolge vor allem Nachteile für diejenigen hätte, die zuhause keine oder wenige Anregungen erhalten.

  3. Ich denke, hier liegt ein großes Missverständnis vor. Ich spreche von defizitären Strukturen, die auch für die vielen engagierten Lehrerinnen extrem schmerzhaft sind. Strukturelle Probleme muss man benennen können, ohne dass sich dabei einzelne auf den Schlips getreten fühlen. Auf Twitter betone ich immer wieder, wie sehr ich gerade mit allen nachsichtig bin, weil wir alle plötzlich in diesem defizitären system agieren müssen und jede versucht, das Beste draus zu machen. Aber es ist wie mit der Diskussion um strukturellen Rassismus im Krankenhaus. Da waren vorgestern auch ganz ganz viele Ärztinnen empört, als Ferda Ataman das thematisierte.
    Dies ist ein Tagebuch, kein ausgewogen recherchierter Zeitungsartikel. Es sind Gedankenfetzen, die ich niederschreibe aus der Sicht einer Person, die ebenso wie du, versucht ihr bestes zu geben und sich Gedanken macht, was diese Krise offenbart: wir müssen mehr in Bildung investieren. In die Digitalisierung der Bildung. In die Weiterbildung der Lehrkräfte. Damit auch die nicht vollkommen am Limit laufen. Ich bin allerdings an vielen Abenden einfach zu platt, um die Gedanken, die ich habe, auch noch so auszudiffernzieren, dass verschiedene Sichtweisen und Erfahrungen dort widergespiegelt werden. Danke für deinen ausführlichen Kommentar, der eine andere Sichtweise aufzeigt. Es war nie meine Absicht, Lehrkräfte individuell anzugreifen. Es sind die Strukturen, die oft noch aus dem letzten oder vorletzten Jahrhundert stammen, die sich nun als nicht tragfähig zeigen. Darum ging es mir.

  4. Danke für die Rückmeldung und Klarstellung. Ich muss dringend weiterarbeiten, deshalb nur noch eine Anmerkung: Natürlich braucht das Bildungssystem eine bessere Finanzierung, unter anderem im Hinblick auf die Digitalisierung. Die Kritik an den Strukturen erscheint mir allerdings doch allzu wohlfeil. Man kann alles verbessern, aber das ist mir zu allgemein und zu pauschal, zumal die Strukturen sich von Bundesland zu Bundesland und sogar unter den Schularten eines Bundeslandes doch in hohem Maße unterscheiden.

  5. Ich empfinde es aktuell auch so, dass das System an vielen Stellen sehr fragil ist. Viel fragiler als ich es vorher eingeschätzt hätte. Das macht mir persönlich zu schaffen.

    Ich bin gespannt darauf, welche Lehren wir daraus persönlich, gesellschaftlich als auch wirtschaftlich daraus ziehen werden.

    Liebe Grüße ausm Süden,
    Muriel

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