Tagebuchbloggen 23.03.2020

Heute morgen war ich gar nicht guter Stimmung. Es ist eine seltsame Mischung aus Sorge um Menschen wie meine Schwester, die im Krankenhaus arbeitet, Sorge um Menschen, die freiberuflich arbeiten und gerade keine Einnahmen haben, Sorge darum, dass notwendige gesetzliche Schnellschüsse nicht genauso schnell korrigiert werden, wenn sich Konstruktionsfehler zeigen, Sorge darum, dass das Friedenprojekt europäische Union an diesem Virus zerbrechen wird, abstrakte Sorge um all die Menschen, die wir in ihrem Leid gerade aus den Augen verlieren. Ich weiß, dass es auch viel Anlass zur Zuversicht gibt. Verglichen mit unseren Nachbarländern wird hier sehr genau geprüft, wie drastisch die Grundrechte per Verordnung eingeschränkt werden müssen und noch immer an die freiwillige Einsicht der Bürgerinnen appelliert. Sowohl die EU als auch die Bundesregierung kippen quasi unbegrenzt Geld aus, um die schlimmsten wirtschaftlichen Sorgen akut zu mildern. Wir gehen noch immer jeden Abend gemeinsam spazieren und haben bisher noch nicht gestritten. Trotzdem quält mich sowas wie Zukunftsangst. Gar nicht so sehr direkt persönlich. Mehr so im allgemeinen.

Der kl kl Mensch hatte heute Klarinettenunterricht per WhatsApp. Das war schön. Es geht weiter, jede gibt ihr bestes, um den Job zu machen.

Es irritiert mich, wie viele Menschen irritiert sind, wenn ich sage, dass ich bestenfalls im Mai die Kinder wieder in der Schule sehe. Ich stelle mich auf nach den Sommerferien ein. Ist der Blick nach China so gefärbt, dass diese Transferleistung unmöglich ist? Denken die Menschen im Ernst, mit weniger autoritären Maßnahmen könne man diesem Virus schneller beikommen? Ich fühle mich seit vier Wochen seltsam zwiegespalten. Mir scheint, ich rede mit zwei komplett disjunkten Gruppen. Die, die ähnlich wie ich seit Wochen besorgt nach China, Süd Korea, Japan schauen, Fallzahlen beobachten, mahnen. Und die, die offenbar ein unerschütterliches Vertrauen in die Überlegenheit des Westens zu haben scheinen und die Augen davor verschließen, dass China kein Schwellenland mehr ist und dass es so einem Virus im Zweifel egal ist, welche Staatsform es heimsucht.

Die zweite Folge „Pandemie“ war ähnlich surreal wie die erste. Man fühlt sich fast wie eine Zeitreisende.

Morgen habe ich Urlaub. Resturlaub aus dem letzten Jahr. Ich werde mich morgen also intensiv um die Schulaufgaben der kl Menschen kümmern können, ohne schlechtes Gewissen, meinen Job zu vernachlässigen. Und in Ruhe kochen. Und aufräumen. Als ich diesen Urlaubstag eintrug, stellte ich mir einen gemütlichen Tag alleine zu Hause vor. Gemütlich frühstücken, Fernsehen, Handarbeiten. Verrückte Zeiten.

2 Gedanken zu „Tagebuchbloggen 23.03.2020

  1. Ich mache mir viele ähnliche Gedanken…..leider vor allem auch in der Nacht. Vor allem dieses zeitlich überhaupt nicht absehbare macht mir zu schaffen, auch im Bezug auf meine Arbeit. Ich finde, ihr macht das echt gut! Haltet euch tapfer und bleibt gesund, liebe Grüße
    Sabine

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