Tagebuchbloggen 20.03.2020

Die erste Woche Isolation ist rum. Es lief besser als erwartet und auch wenn ich zuversichtlich war, dass wir uns nicht an die Gurgel gehen werden, bin ich froh, dass es tatsächlich nicht dazu kam. Der Liebste sagte eben, dass die Polizei damit rechne, dass sie jetzt vermehrt Fälle häuslicher Gewalt sehen wird. Daraufhin fragte der gr kl Mensch, was häusliche Gewalt sei. Als ich es erklärte, sagte er, dass das bei uns ja keine Gefahr sei. Wir scheinen nicht allzuviel falsch zu machen.

Wir haben heute unsere neue Haushaltshilfe nach einer Woche für unbestimmte Zeit in die bezahlte Freistellung geschickt.

Der Liebste war heute morgen einkaufen, es war wohl recht wenig los in der Fußgängerzone und Weizenmehlspeisen scheinen das neue Trendgericht zu sein.

Schule zu Hause läuft viel besser als erwartet. Allerdings scheinen Sekundarstufe II Lehrerinnen sehr unsensibel für das Phänomen „intellectual divide“ zu sein. Anders kann ich mir das nicht erklären, dass sie einfach eine Liste mit Aufgaben über den Zaun werfen und erwarten, dass die Schülerinnen das schon irgendwie hinbekommen. Ich jedenfalls musste heute durch fragendes Entwickeln die Sache mit den Potenzen nochmal vertiefen. Beim kl kl Menschen fahren wir aktuell eine andere Strategie und machen mit ihm statt kleinteiligem Entwickeln von mathematischen Konzepten eher 5 Schritte auf einmal, um ihn bei der Stange zu halten. Auch das funktioniert ganz gut. Sein Tagebucheintrag toppt allerdings sogar meine knappe schriftliche Ausdrucksform. „Wir waren spazieren und zu Hause.“

In der Mittagspause haben der gr kl Mensch und ich 30 Minuten mit Anna geturnt und sind dabei ganz schön ins schwitzen gekommen.

Heute standen dann die ersten Abgaben von Aufgaben an. Im Zuge dessen haben wir gemerkt, dass der gr kl Mensch bei einigen Aufgaben Verständnisschwierigkeiten hatte, aber uns nicht stören wollte mit Fragen. Wir haben natürlich über den Tag verteilt immer wieder Besprechungen, und irgendwie scheint er den Eindruck gewonnen zu haben, dass er uns besser nicht stört. Gut, dass wir das jetzt geklärt haben. Und ich konnte ihm dann ja, s.o., sogar recht schnell und einfach helfen.

Seit heute dürfen wir nur noch zu zweit oder im Rahmen der Lebensgemeinschaft vor die Tür. Wir haben das ja schon seit einer Woche praktiziert, mit der Ausnahme gestern. Wir werden sehen, ob das reicht, oder ob noch mehr Maßnahmen ergriffen werden müssen, damit wir dieses vermaledeite Virus wieder soweit unter Kontrolle bekommen, dass man mit den vorhandenen Testkapazitäten alle Neuinfektionen und deren Kontaktpersonen testen kann. Aber selbst dann werden wir uns mit massiven Eingriffen in unsere Grundrechte noch für Monate, wenn nicht Jahre abfinden müssen. Bisher bin ich allerdings positiv überrascht, dass die CDU dies nicht in allzu hohem Maße dazu auszunutzen scheint, ihre ordnungspolitischen Phantasien umzusetzen. Wir werden sehen. Umso wichtiger, jetzt freiwillig ein paar Einschränkungen auf sich zu nehmen, damit da nicht aus dem Gebot der Stunde absurde Überwachungsinstrumente dauerhaft etabliert werden.

An unserer 5 Uhr Runde halten wir weiter fest, es tut gut, jeden Tag raus zu kommen und sich zu bewegen. Auch die kl Menschen haben bisher kein einziges Mal darüber gemotzt. Im Gegenteil, sie stehen quasi sofort abmarschbereit an der Tür, wenn der Liebste und ich aus dem Arbeitszimmer kommen.

Eine Nachbarin hat eine WhatsApp Gruppe für unsere Siedlung gegründet, wo man sich gegenseitig unterstützen kann. Hier wohnen einige ältere Menschen und auch wenn die vermutlich kein WhatsApp benutzen, bekommt man über so eine Gruppe dann doch eher mit, wenn jemand Hilfe braucht, sei es beim Einkaufen oder mit fehlenden Dingen oder Infos. Lustig daran ist, dass es ein wirres Mischmasch aus deutsch und englisch ist. Teilweise in einer Nachricht wird zwischen den Sprachen gewechselt.

Nach dem Abendessen trafen wir uns mit Freunden in einem virtuellen Besprechungsraum, um gemeinsam Wein zu trinken und ein bisschen zu erzählen, wie die erste Woche für uns war.

Ich denke, wir schlagen uns ganz wacker, auch wenn ich jegliches Zeitgefühl verloren habe, weil Dinge, die ich letzte Woche noch nicht für möglich gehalten hätte, nun selbstverständlich sind. Trotzdem muss ich hin und wieder weinen, aber das ist für mich keine ungewöhnliche Reaktion auf psychische Anspannung. Mir macht das Virus an sich wenig Angst. Ich weiß, dass auch jüngere Personen schwer daran erkranken können, aber die Chancen, daran zu sterben sind deutlich niedriger als für alte Menschen. Aber ich habe in düsteren Momenten Angst davor, wie unsere Gesellschaft in 2 Jahren aussehen wird. Auch wenn ich, wie gesagt, positiv überrascht bin, wie klar die CDU sich gegen massive Beschneidung der Grundrechte ausspricht. Da ist man bei weniger krassen Bedrohungen doch drastischere Töne von ihnen gewohnt.

3 Gedanken zu „Tagebuchbloggen 20.03.2020

  1. Ja, tatsächlich, ich frage mich auch, wie unser Leben in 2 Jahren aussieht. Aber genau, wie die jetzige Situation noch vor 4 Wochen unvorstellbar schien, so ist es vermutlich unmöglich, so weit in die Zukunft zu sehen.
    Meine größte Angst bei Corona ist, dass meinen Kindern und meinem Mann etwas passiert (wir neigen hier zu Unfällen wie Stürzen, Verbrennungen usw.) und es ist einfach keine Rettungsdienstmitarbeiterin mehr im Dienst. Oder keine Ärztin im Krankenhaus verfügbar.
    Deshalb halten wir uns strikt an alle Vorgaben. Auch wenn unsere Kinder (2 und 3) es nicht verstehen, auch wenn sie weinen, weil sie endlich wieder zur Oma wollen. Zoomen ist leider noch zu abstrakt für sie. Aber trotzdem, es ist richtig und wichtig, dass wir hier zu viert bleiben. Und wir sind zum Glück erfinderisch und kreativ, so dass wir die Zeit sicher rumkriegen werden. Ich freue mich, dass du Einblicke gibst. Den Alltag anderer zu lesen, das macht das ganze realer und nachvollziehbarer für mich.
    Liebe Grüße und weiterhin viel Zusammenhalt und Optimismus! Gesa

  2. Ja, die Vorstellung, jetzt in Krankenhaus zu müssen, finde ich auch beängstigend. Aber noch scheinen mir die Krankenhäuser einigermaßen vorbereitet. Aber auch das kann sich schlagartig ändern. Das ist das fiese an exponentiellem Wachstum. Die gute Nachricht ist: die Maßnahmen von vor 1 Woche scheinen zu wirken, die neuinfizierungen steigen nicht mehr so stark.
    Bleib gesund und auch für euch weiterhin gute Ideen, was man gegen den Lagerkoller tut.

  3. Du sprichst mir aus der Seele, es ist nicht die Angst vor dem Virus, die mich ab und an weinen lässt, sondern der Zweifel am Menschenverstand und Dr Egoismus der Leute….Wir sind uns als Familie meistens genug, heisst, wir sind gerne zusammen..( das sieht unser 15 Jähriger meist anders), aber im Grunde funktioniert das mit der Schule zuhause fast besser… Ich freue mich immer, wenn ich von anderen Menschen höre, die das offensichtlich alles ganz gut hinkriegen ohne depressiv zu werden, so wie ihr! Bitte bleib weiterhin so positiv und vielleicht kommst du ja auch noch mal zum Nähen…..
    LG, Suse Müller aus Essen im Ruhrgebiet (ebenfalls nähbegeistert)…

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